Der WDR hat eine App entwickelt, die es sich zum Ziel setzt, die letzten Zeitzeuginnen und -zeugen des Zweiten Weltkriegs virtuell festzuhalten und ihre Geschichten in Form einer App zu dokumentieren. Dabei wird auf Augmented Reality-Technik gesetzt. Mit deren Hilfe kann man die Zeitzeuginnen ins eigene Wohnzimmer oder den Klassenraum holen, sodass die Geschichten besonders nah an die Nutzerinnen und Nutzer heranrücken.

Das Digitalprojekt »WDR AR 1933-1945« entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Düsseldorf und LAVALabs. Die zugehörige App ist sowohl für iOS als auch Android verfügbar.

Unsere Schülerpraktikantin Nisa (15) und ich wollten wissen, wie die App funktioniert und haben sie für Euch getestet.

Usability

Erst einmal zur Bedienung: Bisher bietet die App nur drei kurze Videos und einen Trailer zu Anne Frank, die im Sommer mit ihrer Geschichte dazukommen soll. Die App ist also relativ übersichtlich. Es gibt eine Anleitung, die Schritt für Schritt erklärt, wie man die Videos starten kann. Über das Menü erhält man einige weiterführende Informationen und kann sich ein »Making of« anschauen. Weder Nisa noch ich hatten Schwierigkeiten bei der Bedienung. Die Nutzung funktioniert recht intuitiv.

Inhalte

Die Videos zeigen in kurzen Clips, was verschiedene Menschen an verschiedenen Orten im Krieg erlebt haben. Es sind die Erzählungen von drei Zeitzeuginnen aus Köln, London und Leningrad.

Alle Videos wurden mittels Augmented Reality erstellt. Man positioniert einen vorgegebenen Kreis im Raum und startet dann das Video. Die Zeitzeugin erscheint daraufhin in einem Sessel sitzend vor dem jeweiligen realen Hintergrund, in dem man sich befindet, und beginnt zu erzählen. Bewegt man Smartphone oder Tablet, kann man die Umgebung der Protagonistinnen erkunden, die teilweise ebenfalls in den Raum übertragen wird.

Diese Technik ist sehr eindrucksvoll, da die Zeitzeugin tatsächlich »in die eigenen vier Wände« kommt. Sie hat aber auch den Nachteil, dass man die ganze Zeit das Endgerät in der Hand hält und bewegt. Entsprechend müssen die Videos sehr kurz sein – was sie mit jeweils drei Minuten tatsächlich sind. Dies finde ich persönlich allerdings viel zu wenig, um die komplexen und traumatischen Erlebnisse dieser Frauen, die damals Kinder waren, wirklich zu verstehen.

Nisa sieht das anders: Sie findet es gut, dass die Videos so knapp und prägnant sind. Außerdem wirkten sie durch die AR-Technik sehr realitätsnah, wie sie mir erklärt. So wurde Nisa von Anfang an in die Erzählung hineingezogen und fand es nicht langweilig. Eine längere Form hätte sie nicht gewollt: »Die App lässt die Nutzerinnen und Nutzer nochmal darüber nachdenken, wie schlimm die Zeit damals gewesen ist. Durch die kurze Dauer der Videos verliert man auch kein Interesse beim Anschauen. Cool für Schule.«

Verwendung

Tatsächlich ist die App vor allem auch als Unterrichtsangebot entwickelt worden. Es stellt sich allerdings die Frage, wie sie diesen Zweck praktisch erfüllen kann. Denn eine wichtige Voraussetzung wäre zunächst einmal gut funktionierendes WLAN an den Bildungsstätten. Dann muss noch entweder der Lehrer sein Smartphone mit einem Bildschirm koppeln oder aber jeder Schüler die App auf sein Handy laden und die Videos für sich mittels Kopfhörer anschauen. Beides halte ich nicht für optimal und wird im Unterricht wenig praktikabel sein.

Fazit

Alles in allem ist unser Eindruck: Auch wenn die App sehr schön gemacht ist und die Videos faszinieren, hält die Begeisterung nicht lange an. Der Nutzwert ist deutlich zu gering. Ihrem Ziel, Zeitzeuginnen lebendig zu halten, wird die App mit dreiminütigen Statements genauso wenig gerecht wie dem, den Unterricht nachhaltig zu bereichern. Hier steht der Aufwand für die Installation in keinem sinnvollen Verhältnis zur anschließenden Nutzung.

Ein langes und intensives Audio- oder Video-Interview mit den Zeitzeuginnen ohne allen technischen Schnickschnack wäre am Ende des Tages vielleicht doch die bessere Variante – gerne ergänzt um kurze Clips, die der Lehrer im Unterricht einstreuen kann.

Making of WDR History App