Größer, professioneller und immer noch ein Klassentreffen – die re:publica 2012 in Berlin

4.000 und nicht 700 Teilnehmer. Die Station am Gleisdreieck und nicht der Friedrichstadtpalast beziehungsweise die Kalkscheune. Nicht Nerds, sondern Menschen wie Sie und ich. Nicht improvisiert, sondern professionell – So könnte man die diesjährige re:publica beschreiben. Im Vergleich zum vergangenen Jahr gab es jede Menge Veränderungen, die nicht von allen im Vorhinein begrüßt wurden. Doch viele dieser kritischen Stimmen sind verstummt oder haben ihre Meinung geändert. Denn die re:publica ist sich selbst treu geblieben und immer noch das jährliche Klassentreffen der Blogger- und Onlineszene.

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Manch einen – so auch meinen Kollegen Thilo Trump – verleitete diese perfekt durchorganisierte, unaufgeregte, reibungslose Veranstaltung (sehen wir einmal von dem nicht funktionierenden WLAN ab) zu Worten wie diesen:

Auf dem Veranstaltungsgelände herrschte eine Atmosphäre, die ich als sehr fröhlich, warmherzig und ausgeglichen empfunden habe. Egal, wo man im Innenhof der Station hinsah, Teilnehmer unterhielten sich angeregt miteinander, man schüttelte zur Begrüßung die Hände oder umarmte sich direkt.

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Im Inneren der Station befanden sich neben der Registrierung, der Garderobe, den Ständen der Aussteller und den zahlreichen Cateringangeboten ein pyramidenförmiges Podest mit Sitzgelegenheiten sowie Steckdosen, das von den Teilnehmern liebevoll „Affenfelsen“ genannt wurde.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum

In den acht Sessionräumen boten die 350 Redner aus über 30 Ländern ein buntes Programm. Zu den Highlights gehörte für mich der Vortrag von Strafverteidiger Udo Vetter. Unter dem Titel „Spielregeln für das Netz – sicher publizieren in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken“ gab er einen Überblick darüber, was im Netz erlaubt ist und was nicht. Langanhaltenden Applaus erhielt der Blogger für sein Statement: „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, wohl aber unser Lebensraum.“

Bildquelle: (CC BY 2.0) re:publica 2012| flickr.com

99 Prozent der Kommunikation im Netz sei wünschenswert, so Vetter, die müsse man verteidigen. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass wir es längst mit einem überwachten Internet zu tun haben. Anlassunabhängige Internetrecherchen würden von der Polizei bereits durchgeführt – der Schwerpunkt liege hierbei bei Vergehen im Bereich Kinderpornografie. Welche Tipps Udo Vetter darüber hinaus gegeben hat, kann man in einem ausführlichen Beitrag von Andreas Floemer (t3n) nachlesen.

Die digitale Selbstinszenierung

Kixka Nebraska – auf Twitter unter @kixka zu finden – sprach in ihrer Session „About me – die digitale Fassade“ über die Konstruktion digitaler Identitäten. Dabei machte sie deutlich, dass Identitäten im Netz spielerisch entstehen oder strategisch aufgebaut werden können. Unabhängig davon, ob die eine oder andere Vorgehensweise zutreffe, so würden sich beinah alle Akteure in einem Umfeld bewegen, in dem es quasi keine Privatsphäre mehr gebe – Privates und Berufliches würden verschwimmen. Die Users seien sich bewusst, dass man immer in irgendeiner Öffentlichkeit stehe. Die betreffenden Personen würden nicht nur die eigenen Beiträge hinterfragen, sondern auch daran interessiert sein, wie die anderen Nutzer die Onlineidentität einschätzen und  wahrnehmen. Ein Trost sei, dass sich das Wesen der meisten Menschen offline wie online nicht stark voneinander unterscheide. Kixka empfahl in ihrem Vortrag, eine Strategie in Bezug auf den Tonus der Blogbeiträge oder der Tweets zu entwickeln. Erst durch eine gewisse Konstante entwickele sich im Netz so etwas wie Authentizität.

Die deutsche Blogosphäre – Rockstars und Mimosen

Die deutsche Blogosphäre hat ein Problem: Es gibt nur wenige Bloggergrößen wie Robert Basic, Markus Beckedahl und Carsten Knobloch, die allerdings außerhalb der Blogosphäre nur wenigen ein Begriff sind. Im direkten Vergleich mit den amerikanischen Kollegen seien die deutschen Blogger also wahrlich keine Rockstars, sondern vielmehr Mimosen, so lautete das Urteil von Sascha Pallenberg. Während es in den USA eine ausgeprägte Landschaft an Blogger gebe, würden sich die Schreiberlinge hierzulande nicht die Butter auf dem Brot gönnen. Und genau dieser Neidfaktor hemme die deutsche Blogosphäre, so Pallenberg. Am Ende gab er den Teilnehmern eine äußerst klare Botschaft mit auf den Weg: „Es gibt [aus der Sicht der Blogger] keine Wettbewerber, sondern nur mögliche Kooperationspartner!“

Im Austausch mit den Zuschauern – ARD und ZDF auf der re:publica

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Die Themen  „Social TV“ und „die Zukunft des Fernsehens“ wurden auf der re:publica in vielen verschiedenen Sessions diskutiert. Zur Freude der Besucher stellen sich auch die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF den Fragen der Besucher. Nach der Session bleibt bei mir der Eindruck zurück, dass das ZDF nah an den Zuschauern ist, ihre Bedürfnisse ernst nimmt und am Austausch interessiert ist. Die ARD bleibt ein wenig mehr auf Abstand. Einen ausführlichen Blick auf die zwei Sessions gibt es hier.

Alle warteten auf den Regierungssprecher

Und dann kam er. Am Freitagnachmittag betrat Regierungssprecher Steffen Seibert die Bühne der re:publica. Er begann sichtlich nervös, stellte dann die Frage, ob er denn der einzige deutsche Politiker sei, der die re:publica besuchen würde, um dann hinzuzufügen, dass er ja gar kein Politiker sei. Das Publikum lachte. Erleichterung. Dank seiner witzigen, charmanten Art und seiner Moderationserfahrung könnte Seibert schnell punkten. Die hohen Erwartungen waren erfüllt. Er plauderte über die Twitterviews, in denen er sich den Fragen der Twitter-Nutzer stellt, die Zukunft des Bürgerdialogs, die Onlinekommunikation der Bundesregierung, Tweets, die ihn berührt haben, und die Weiterführung des Accounts  @Regsprecher nach einem möglichen Regierungswechsel.

Überraschungsvortrag von Sascha Lobo

Und wer darf auf der re:publica nicht fehlen? Genau, Sascha Lobo. Seinen Überraschungsvortrag können Sie sich, dank Spiegel Online, in den nachfolgenden Videos in voller Länge ansehen. Es lohnt sich!

 

By | 2012-05-06T16:36:02+00:00 6. Mai 2012|Categories: Veranstaltung|Tags: , , , , , |

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