Gemeinsam fernsehen mit der iPad-App Couchfunk

Unter den Twitter-Nutzern ist das eine bekannte Situation: Sonntagabend um 20.15 Uhr sitzt man vor dem Fernseher, schaltet mit der einen Hand den Tatort ein und hält in der anderen Hand das Mobiltelefon. Schnell die Twitter-App geöffnet und los geht’s. Unter dem Hashtag #tatort werden schnell die ersten Tipps abgegeben, wer denn in dieser Folge der Mörder ist. Twittern und fernsehen gehört für viele schon zusammen. Uz Kretzschmar und Frank Barth haben die passende iPad-App entwickelt, die den Namen Couchfunk trägt. Ich habe mit Frank Barth, einem der Gründer von Couchfunk, gesprochen.

Frank Barth, Mitgründer & Gesellschafter von Couchfunk

Frank, ich bin heute auf Eure iPad-App Couchfunk aufmerksam geworden. Könntest Du unseren Lesern kurz erklären, worum es bei diesem Projekt geht und wie Ihr auf die Idee für Couchfunk gekommen seid?

Frank Barth: Beim Durchstöbern von Nachrichten zu einem anderen Thema bin ich letztes Jahr im August über mehrere Konzepte gestolpert, mit denen zusätzliche Informationen zum TV-Programm angezeigt werden können. Ich fand diese Ideen sehr interessant und hab sie Uz vorgestellt. Ihm war aber das reine Anzeigen von Zusatzinformationen beim Programm zu wenig und fand es wichtig, in eine TV-App auch einen Social-Layer zu integrieren. Und so war die Idee zu Couchfunk geboren. Im nächsten Schritt haben wir, einen Blick ins Social-Web geworfen, an welchen Stellen sich bereits heute Nutzer zu TV-Sendungen austauschen. Twitter hatte hier deutlich die Nase vorn, was sie auch selbst gerne betonen (u.a. hier). In den USA ist es zudem heute schon üblich, zu einer Sendung Hashtags als Wasserzeichen einzublenden.

Ganz kurz also: Wem reines Fernsehen heute zu langweilig ist, der schnappt sich Couchfunk und kann miterleben, wie unterhaltsam diese neue Dimension des Fernsehens sein kann.

Gehen wir einmal davon aus, ein Nutzer hat sich Couchfunk auf sein iPad geladen. Was muss er nun tun? Wie funktioniert der Austausch mit den anderen Usern?

Frank Barth: Couchfunk lässt sich auf mehrere Arten nutzen. Du kannst wie bei einer normalen TV-Zeitung reinschauen, was gerade läuft und welche Sendungen empfohlen werden. Unsere Sendungsauswahl ist dabei natürlich auf Gespräche ausgerichtet, was zwar nicht mit jedem Format funktioniert, aber den Spaßfaktor an der Sendung selbst deutlich erhöht. Viele Leute wissen gar nicht, welches Feuerwerk parallel zu Sendungen auf Twitter & Co. abgebrannt wird, deshalb wollen wir mit Couchfunk einen Teil dazu beitragen, das Social Web an dieser Stelle erlebbarer zu machen.

Nutzer auf die der Funke überspringt können sich dann unkompliziert per Facebook oder E-Mail anmelden und in der jeweiligen Sendung mitschreiben. Eigene Kommentare und Erwähnungen glühen dabei in den Farben Grün und Lila und können auch auf Twitter geteilt werden. Kommentare von Couchfunk-Nutzern oder von Twitter lassen sich dabei beliebig aus- und einblenden.

Screenshot der Couchfunk-App, Favoritenleiste und Detailansicht mit Kommentarstream

Wir haben schon mehrfach in unserem Blog über die Zukunft des Fernsehens diskutiert. Wie wird Deiner Meinung nach das Fernsehen der Zukunft aussehen?

Frank Barth: Was ich mir sehr gut vorstellen kann, ist der stärkere Fokus des Fernsehens auf Live-Events, große Shows und aufwendige Filme, hier kann einfach kein anderer Marktteilnehmer (schon allein organisatorisch) mithalten. Wir werden in den kommenden Jahren beobachten können, wie Fernsehsender den Long-Tail für sich entdecken und jede Show bis auf den letzten Euro ausquetschen. Einige wenige werden hoffentlich den Mut wie z.B. ZDFLogin haben und Nutzerfeedback direkt in die Sendung einarbeiten. Es wird wohl zudem eine neue Kategorie von Sendern geben ( so es denn das Gesetz zulässt, siehe hier, die ihr Publikum deutlich interaktiver einbeziehen, als es heutige Formate machen. Es ist einer unserer unausgesprochenen Wünsche, solche Formate zu fördern oder vielleicht sogar selbst die Plattform dafür zu stellen.

Wieso twittern immer mehr Fernsehzuschauer während sie gleichzeitig fernsehen?

Frank Barth: Da muss man sich die Entwicklung des Fernsehens und des Internets gleichzeitig betrachten. Wenn man abends in Deutschlands Wohnzimmer schaut, sitzt fast überall jemand vor dem PC und nebenbei läuft der Fernseher. Da war es nur ein logischer Schritt, sich über Fernsehen auszutauschen. Mobiles Internet und geeignete mobile Endgeräte beschleunigen diesen Trend ebenso wie Twitter, das durch seine Hashtags enorm dazu beiträgt, die einzelnen Meinungsäußerungen zu kanalisieren. Twitterer scheinen in der Summe bei der Gestaltung ihrer Botschaften auch deutlich kreativer zu sein, als „normale“ Internetnutzer. Ich denke, das macht einen großen Teil des reizes aus.

Screenshot der Couchfunk-App, Übersicht

Eure Nutzer können sich über die iPad-App zu speziellen Sendungen austauschen. Welche sind denn die beliebtesten Sendungen? Mir fällt da ja sofort der Tatort ein.

Frank Barth: Der Tatort gehört tatsächlich mit zu den beliebtesten Sendungen und hat eine überraschend aktive Anhängerschaft. Das beliebteste Format ist jedoch „Bauer sucht Frau“, das zum Start der Staffel 6 sogar auf Platz 2 in den World-Wide-Trending-Topics stürmte. „Wetten, dass…?“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Dschungelcamp“, „Germanys next Topmodel“ gehören ebenso zu den üblichen verdächtigen wie „Günther Jauch“ und „Anne Will“. Das erfreuliche daran ist ja gerade, dass sich nicht nur – wie vielleicht zu erwarten – über „Light“-Sendungen ausgetauscht wird, sondern auch die politische Diskussion gesucht wird.

Wie wird es mit Couchfunk weitergehen? In einem Bericht auf netzwertig.com habe ich erfahren, dass Ihr die Entwicklung der App aus privaten Mitteln finanziert.

Frank Barth: Wir finanzieren derzeit den Betrieb der Anwendung auf eigene Kosten, haben aber ein junges kreatives Team im Rücken, das uns tatkräftig bei der Weiterentwicklung von Couchfunk unterstützt. Wir befinden uns zusätzlich mit potenziellen Investoren im Gespräch und sind auf der Suche nach geeigneten Partnern um Couchfunk für Nutzer noch attraktiver machen zu können. Aber schauen wir mal, was die Zukunft bringt.

Vielen Dank für das Interview!

Frank Barth: Gleichfalls, vielen Dank! Wir stehen natürlich jederzeit gerne zu weiteren Fragen Rede und Antwort!

Bildrechte: couchfunk , CC-BY couchfunk | flickr.com


Von | 2011-10-18T15:13:21+00:00 18. Oktober 2011|Kategorien: Fernsehen, Mobile|Tags: , , , , , |

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6 Kommentare

  1. Nicole Y. Männl 18. Oktober 2011 um 15:40 Uhr

    Ein bisschen „alter Wein in neuen Schläuchen“ … 2008 gab es schon die „Telewebber“ … siehe http://dittes.info/telewebber-gemeinsam-besser-fernsehen/

    Manchmal muss es eben der richtige Zeitpunkt sein, Andreas war einfach seiner Zeit (zu weit) voraus, vermute ich. Schade, dass es sein Projekt nicht mehr gibt.

    Dem neuen Projekt von Frank viel Erfolg – ohne Frage! :-)

  2. sabinehaas 18. Oktober 2011 um 17:36 Uhr

    Ja, an Telewebber fühlte ich mich auch sehr erinnert! Und auch davor gab es schon ein Projekt, dessen Name mir gerade entfallen ist. Wollte ich so deutlich nicht sagen, dann hätte jeder gemerkt, wie alt ich bin.. :) Das war aber damals noch viel schwieriger, auch technisch. Und auch heute ist es nicht leicht, wirklich akzeptierte und nutzbringende interaktive Fernsehanwendungen zu entwickeln. Daher bin ich sehr gespannt auf den Werdegang von Couchfunk.

  3. Barth, Frank 19. Oktober 2011 um 8:58 Uhr

    Ich hatte übrigens mit Heiko von Telewebber gestern noch ein sehr nettes Gespräch. Sie hatten auch schon viele tolle Ideen und Ansätze die ganze Anwendung zu vermarkten. Warum es dann doch nicht geklappt hat, weiß keiner so richtig. Zu der Geschichte mit altem Wein in neuen Schläuchen fällt mir immer die Skorbut Anekdote ein :-)

    „Das erstaunlich Tragische an der Geschichte des Skorbuts ist aber, dass trotz dieser irrtümlichen Auffassung von der Krankheit ihre Heilung immer wieder beschrieben, aber immer wieder vergessen wurde.

    Schon früh erkannten portugiesische Seefahrer Orangen und Zitronen als wirksames Heilmittel, dieses Wissen ging aber vergessen. Ab 1600 verabreichten einzelne Seeleute der englischen Marine den Kranken erfolgreich Zitronensaft. Die East India Company erkannte sogar die prophylaktische Wirkung des Safts, dieses Wissen wurde aber nicht nach aussen getragen. Eine mangelnde Vernetzung von Information machte es zum Beispiel auch möglich, dass der spanische Missionar Antonio de la Ascensión den Skorbut 1602 für ein lokales Phänomen hielt, das er den kalten Winden zwischen den Philippinen und Mexiko zuschrieb – nach einem Jahrhundert fortwährender Erfahrung der Krankheit auf hoher See. Seine Beschreibung der Heilung durch den Saft einer kleinen Frucht ging vergessen. 1534 schilderte der französische Kapitän Jacques Cartier die Heilung durch den Saft eines Baumes, aber schon sieben Jahre später auf einer Nachfolgeexpedition war dieses Wissen vergessen. Noch nachdem der englische Marinearzt James Lind Mitte des 18. Jahrhunderts die Wirksamkeit von Zitronen und Orangen vor allen anderen Arzneimitteln wissenschaftlich nachgewiesen hatte, sollte es mehrere Jahrzehnte dauern, bis der Zitronensaft als Skorbutprophylaktikum allgemein in die europäische Marine eingeführt wurde. „

  4. […] sondern zum Beispiel auch über Twitter verfolgt. Diesen Trend haben auch die Entwickler der Couchfunk-App aufgegriffen und „gemeinsam fernsehen“ eine neue Bedeutung […]

  5. Zork 8. Dezember 2011 um 14:21 Uhr

    Also ich kann die App nur empfehlen. Macht manch langweilige Sendung unterhaltsam. :-)

    Hier noch ein schöner Test dazu: http://ifreaks.de/cms/content.php?220-Couchfunk-eine-ganz-besondere-Empfehlung!

  6. […] einigen Wochen haben wir hier im result-Blog die iPad-App Couchfunk vorgestellt, mit der eine Verbindung zwischen Fernsehen und dem Twitter-Universum geschaffen wird. Nutzer der […]

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