Lange bin ich ja noch nicht auf Twitter und im Netz intensiv unterwegs, aber eins fällt mir auf: Egal wer gerade zurücktritt oder welche politische Entscheidung getroffen wird. In der Blogosphäre heißt es sofort: „Wir waren die Ersten! Unsere Veröffentlichungen haben bewirkt, dass… Und sogar der Spiegel hat von uns abgeschrieben!“ (Ich verkürze und überspitze jetzt ein ganz klein wenig.. :-) )

Ich halte das für übertrieben und teilweise etwas selbstreferentiell. Tatsächlich ist die Netzgemeinde politisch enorm aufmerksam und sehr früh in ihren Veröffentlichungen. Sie kann meist aber auch deswegen schneller sein, weil sie überwiegend Meinungen & Kommentare schreibt und damit weniger Rechercheaufwand hat.

Und ich bin mir sicher: Nach wie vor liest nur eine Minderheit, was in Blogs und auf Twitter passiert. Die große Mehrheit bekommt davon nur wenig mit.

Umso beeindruckender finde ich, wenn die Diskussion im Netz tatsächlich breite Resonanz findet und Einfluss nimmt auf die Politik. Dann zeichnet sich die große Möglichkeit und das Potenzial ab, dass in dieser Art der neuronalen Meinungsbildung liegt. Und dann wird deutlich, wie wichtig es ist, dass ALLE Zugang zu dieser Diskussion erhalten – und nicht nur eine intellektuelle Speerspitze.

Zwei wirklich beachtenswerte Beispiele sind für mich die Landtagswahl NRW und der Beitrag der Blog-Autoren zum Wahlkampf und die derzeitige Diskussion um den Bundespräsidenten.

Letzteres finde ich vor allem deswegen interessant, weil die Aufstellung der Bundespräsidenten-Kandidaten sonst mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Die Parteien stellten jemanden auf, die Presse kommentierte und man selbst nahm das Ganze leidlich interessiert zur Kenntnis.

Dies ist derzeit völlig anders. Das Engagement bei der Bewertung und Diskussion der Kandidaten ist enorm und die derzeitige „Pro-Gauck-Kampagne“ ist kreativ, umfassend und beeindruckend.

Das Mosaik besteht aus 2.042 Twitter-Avataren von Menschen, die einen Tweet mit #mygauck getwittert haben. (Quelle: webevangelisten)

Ich habe den Eindruck, dass in dieser Frage die Netzgemeinde auf ihr kontinuierlich wachsendes Selbstbewusstsein pocht und nachhaltig zeigen möchte: „Nicht ohne uns.“ Auf der anderen Seite scheint die Ignoranz der Regierungsparteien, die den Posten des Bundespräsidenten nach wie vor in ihren Reihen ohne Bürgerbeteiligung verschachern möchten, die Diskussion weiter anzuheizen.

Und die Presse reagiert sensibel und lesernah: Sie spürt sehr genau, was sich gerade verändert, nimmt die Diskussion im Netz auf und verstärkt sich über ihren Verbreitungsweg. Unabhängig vom politischen Lager wächst die Befürwortung des Kandidaten Gauck und die Kritik an einer Wahl nach „Parteienzwang“.

Das ist spannend. Denn dies ist meiner Meinung nach eine ganz neue Dimension für die Politik. „Die da oben“ werden von „denen da unten“ beobachtet, kritisiert und korrigiert. Auf eine Art und Weise, die nachhaltiger und deutlich weniger aufwändig ist als es Petitionen und Demonstrationen früher waren. „Der Druck der virtuellen Straßen“ findet spürbar seinen Weg in die Gesellschaft. Und greift auch bei Themen, bei denen die Politiker bisher vor dem Volk „ihre Ruhe“ hatten.