FOMO: Kurzzeit-Phänomen oder Langzeit-Problem?

Es gab Zeiten, in denen es als unhöflich galt, während eines Abendessens oder eines Dates auf sein Handy zu schauen. Man signalisierte seinem Gegenüber damit, dass der Abend bisher ziemlich langweilig war. Im Idealfall hat die betroffene Person den Wink verstanden und das Essen wurde rasch beendet. Heute gehört der Blick aufs Smartphone fast schon dazu. 
Beide Gesprächspartner blicken regelmäßig auf ihr Handydisplay und checken dabei E-Mails, Status-Updates, neue Tweets oder was gerade in der Facebook-Timeline los ist. Man signalisiert seinem Gegenüber damit: Während ich mit Dir hier sitze, passiert in meinem Leben und um mich herum eine ganze Menge.

Natürlich geht es dabei nicht zwingend darum, seinen Gesprächspartner zu beeindrucken. In erster Linie haben Nutzer von Social-Media-Plattformen oftmals einfach das Gefühl, etwas Wichtiges in ihrem Leben zu verpassen. Dieses als FOMO (Fear Of Missing Out) bezeichnete Phänomen besagt, dass beispielsweise viele Facebook-User Angst davor haben, ihre Zeit womöglich »falsch« zu verbringen. Gerade Facebook hält unzählige Aktivitäten bereit, die andere parallel erleben und an denen man zwar nicht real teilhaben, aber zumindest über das Internet beiwohnen kann. Damit wird (gewollt oder nicht) das Bild vermittelt, dass alle anderen virtuellen Freunde im Augenblick mehr erleben, als man selbst. Postet ein Freund ein Foto von einer lustigen Feier, stellt sich beim »FOMO-Infizierten« bereits ein gewisses Unwohlsein ein, weil er selbst nicht Teil dieser Party ist. Aus diesem anfänglichen Unwohlsein heraus können nicht selten oben beschriebene Ängste resultieren.

Auf der anderen Seite wird zudem fast zwanghaft versucht, das eigene Leben ebenfalls möglichst ereignisreich zu gestalten und viele „postingwürdige“ Aktivitäten heraufzubeschwören. Es liegt schließlich mehr oder weniger in der Natur des Menschen, sich ständig und überall mit anderen zu vergleichen. Dabei wird allerdings außer Acht gelassen, dass der Großteil der virtuellen Freunde vermutlich einen weitestgehend ereignisarmen und eher banalen (All-)Tag verbracht hat. Von Facebook-Usern werden in der Regel jedoch nur außergewöhnliche Ereignisse und besondere Aktivitäten gepostet, welche die Personen in einer Art aufregendem »Sein-Schein« erstrahlen lassen sollen. Bei mehreren Hundert Freunden kommen so täglich zahlreiche Ereignisse zusammen, die aus FOMO-Sicht das eigene Leben unspektakulär und langweilig erscheinen lassen.

Dem entgegenzuwirken, ist kein leichtes Unterfangen und verlangt ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Ob eine Reduzierung der eigenen Facebook-Aktivität oder bewusstes Ausblenden einzelner vermeintlich besonders aktiver Poster hier zum gewünschten Erfolg führen, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beurteilen. Es bleibt in jedem Fall abzuwarten ob sich dieser Trend in Zukunft wieder relativieren wird, ob er das überhaupt kann. Oder ob diese Entwicklung nachhaltige Konsequenzen nach sich zieht und FOMO als eine Art Krankheit der digitalen Moderne angesehen werden wird.

Von | 2015-07-16T12:47:51+00:00 22. April 2013|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Medienforschung, Medienkompetenz, Neue Medien, Web, Social Web & Mobile|Tags: |

Über den Autor:

Alexa Brandt
Seit 1998 als Redakteurin für die result gmbh tätig, übernahm sie im August 2012 als zertifizierte Social Media Managerin die Leitung der Unternehmenskommunikation und kümmert sich neben der klassischen PR auch um die sozialen Kanäle und das Corporate Blog der Digitalagentur. Zudem verantwortet sie redaktionelle Projekte namhafter Kunden. Seit Juni 2013 ist sie stellvertretende Leitung der Digitalredaktion.

Ein Kommentar

  1. Regine Hammeran 23. April 2013 um 15:52 Uhr

    Jetzt mal im Ernst:

    “Es gab Zeiten, in denen es als unhöflich galt, während eines Abendessens oder eines Dates auf sein Handy zu schauen. Man signalisierte seinem Gegenüber damit, dass der Abend bisher ziemlich langweilig war…”

    Aber genau das signalisiert es doch heute auch: “…In erster Linie haben Nutzer von Social-Media-Plattformen oftmals einfach das Gefühl, etwas Wichtiges in ihrem Leben zu verpassen.” Und zwar etwas Wichtigeres als sich mit seinem realen Gegenüber zu befassen, oder? Nicht, dass mich jemand falsch versteht, ich hab nichts gegen Social Media, bin selber mehr oder weniger aktiv bei Facebook und zumindest stiller Leser von Twitter. Aber das mache ich, wenn ich sonst niemanden brüskiere – weder im Cafe oder in der Kneipe noch im Büro bei Teammeetings … Und als Krankheit würde ich FOMO nicht bezeichnen, sondern schlicht als das, was es ist: Unhöflichkeit!

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