Fernsehen und Radio im sozialen Netz

Fernsehen und Radio versuchen mehr und mehr, ihre Marken auch ins Netz und damit ins soziale Netz zu verlängern. Sie agieren auf Facebook, auf Twitter und gestalten ihre eigenen Websites immer interaktiver. Folgt man den Aktivitäten, dann fällt auf, dass vieles von dem, was Redaktionen, Sender und Programme machen, recht unstrukturiert wirkt. Es scheint getrieben von blindem Aktionismus und oftmals wird nicht klar, welche Ziele mit den Auftritten und Kommunikationsmaßnahmen eigentlich verfolgt werden.

Zwei Beispiele:

Der Twitter- und Facebook-Account von ProSieben

Dieser Account wird zu Recht gelobt, weil er sich bemüht, authentisch und auf Augenhöhe mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Aber die Betonung liegt auf dem Bemühen. Bei einigen tausend Followern/Fans ist es mit vertretbarem Aufwand gar nicht möglich, auf alles zu antworten. Entsprechend bleibt das Meiste unbeantwortet. Das frustriert sicher viele Nutzer und es wird wieder spürbar, was Fernsehen eigentlich ist: ein Massenmedium, das in eine Richtung sendet, aber einen individuellen Rückkanal für sein Massenpublikum nicht ernsthaft leisten kann und muss.

Es macht daher in meinen Augen langfristig wenig Sinn, mit einem „Dialog“ auf Twitter und Facebook so zu tun, als wolle man mit allen seinen Zuschauern reden. Dies kann nur enttäuschen. Die Strategie im Social Web muss anders aussehen. Sie muss zielgerichteter, durchdachter, smarter sein. Sonst bietet man nicht mehr und nicht weniger als einen schlecht erreichbaren Service.

Aktuelle Stunde

Auch dieses Urgestein des WDR-Fernsehens findet man seit Dienstag auf Facebook, und der Ansatz ist ähnlich wie bei ProSieben: Man redet über sein Programm und stellt interessierte Fragen an die Zuschauer. Aber auch hier ist zu fragen: wofür? Man spricht den Facebook-Besucher an, als kenne er die Sendung schon seit Jahren. Aber ist das so? Sind die Fans auf Facebook tatsächlich Stammseher der Sendung? Oder will man dort nicht vielmehr jüngeres Klientel für die Sendung gewinnen? Falls man Letzteres möchte, halte ich den Auftritt auf Facebook nicht für die ideale Ansprache. Da gäbe es sicherlich effizientere und „coolere“ Wege zum Zuschauer.

Alles in allem bekommt man den Eindruck, dass die meisten Fernseh- und Radiosender vor allem auf Social-Media-Plattformen aktiv sind, um überhaupt dabei zu sein. Sie möchten nicht den Anschluss verpassen, also „machen sie mal was“, natürlich möglichst ohne Budget, in der Regel wohl auch ohne Konzept und nicht im Rahmen einer gezielten Markenführung.

Ich will nicht verschweigen, dass es auch positive Beispiele gibt. Der MDR-Sender Sputnik ist eines davon, sowohl auf Facebook als auch auf Twitter findet er einen goldenen Mittelweg zwischen PR, Unterhaltung und echter Kommunikation, und auf seiner Internetseite findet sich beispielsweise die Sendung „Buntfunk“, die parallel von mehreren Webcams begleitet wird und den „Hörern“ zudem die Möglichkeit bietet, per Chat und Votings an der Sendung teilzunehmen – ein gelungenes Experiment. Im großen und ganzen jedoch kann man Fernsehen und Radio nur empfehlen, Web und Social Web nicht ganz so „fahrlässig“ zu behandeln. Schließlich liegt auf diesen Plattformen die Zukunft – nicht nur dieser Medien.

Fotos: Screenshots

Von | 2010-10-01T13:51:04+00:00 1. Oktober 2010|Kategorien: Internet, Radio, Social Web|Tags: , , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

2 Kommentare

  1. thilo 1. Oktober 2010 um 14:16 Uhr

    Nicht nur, dass vieles gänzlich unbeantwortet bleibt, zuweilen gehen den Twitter-Account-Betreuern von ProSieben auch mal die Nerven durch: http://blog.danielleicher.de/2010/08/12/prosieben-trotzt-auf-twitter/

  2. Cathrin Jacob 6. Oktober 2010 um 11:23 Uhr

    Krisenmanagement sollte gerade in solchen Netzwerken elementarer Bestandteil der Strategie sein, wenn man mit den Fans/Followern in Kontakt treten möchte. Der „Schuss“ kann dann nämlich ganz schnell nach hinten losgehen, wenn man die Macht des WoM im Netz unterschätzt.
    Hier gibt es einen großen Beratungsbedarf, oder man braucht eben Erfahrung.
    Interessant bzw. überraschend ist jedoch, dass die Social Media Budgets nach wie vor so „verschwindend klein“ sind: http://bit.ly/9P2pD7 (via @saskiadenise)

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