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Fake News, Gatekeeper, alternative Fakten – Die Komplexität der Mediennutzung im digitalen Zeitalter

Ach, was war das früher schön: Wir hatten unsere Lokalzeitung. Auf die konnten wir schimpfen. Haben wir auch gemacht. Gründlich. Aber das Abo der Tageszeitung war dennoch ein »Muss« für jeden bürgerlichen Haushalt. Dann hatten wir noch die Fernsehzeitschrift. Die gab uns Einblicke in die Welt der Stars und Promis. Einblicke, die wir beim Friseur weiter vertiefen konnten. Auch hier wurde natürlich geschimpft. Weil der Inhalt nur aus Klatsch und Tratsch bestand. Der eigentlich ja niemanden interessierte. Und in Familien, die intellektuell und/oder gut betucht waren, also zum Beispiel in den Lehrerhaushalten, gab es noch ein zweites Abo einer überregionalen Tages- oder Wochenzeitung. Bei den »Linken« gerne der Spiegel, bei den »Konservativen« eher die FAZ. Der Spiegel wurde meist in hohen Stapeln gesammelt, weil man viele der endlos langen Artikel dann doch nicht gelesen hatte. Die FAZ las man vor allem wegen der Wirtschaftsnachrichten, der Rest wurde eher überflogen. Dazu gab es noch ein solides Radioprogramm, aus dem man sich genau einen Sender aussuchte und ein Fernsehangebot, bei dem man sich einmal täglich (maximal zweimal) mit Nachrichten und dann mit viel Unterhaltung versorgte. Und heute?

Plötzlich haben wir neben diesen altbekannten Playern eine Reihe von Newslieferanten im Netz, von denen wir bisher nichts gehört hatten und die wir in keiner Weise einzuschätzen wissen. Und diese Horden von Content-Produzenten privater oder öffentlicher Natur stellen infrage, was uns die Medien bislang geliefert hatten: Von Lügenpresse ist da die Rede, von systematischer Verheimlichung, tendenziöser Berichterstattung und vor allem von der Einseitigkeit in der Wahl der Themen und Perspektiven. Stattdessen bietet uns das Netz »alternative Fakten«, neue Perspektiven, viel Meinung (wie dieser Artikel hier), Verschwörungstheorien, Ratgeber und Service in jeder Qualität (von »ich schreibe, ohne zu wissen« bis richtig toll fundiert), Spaß und Schabernack, Satire und gefälschte Bilder. Damit aber nicht genug: Dazu gibt es noch das Phänomen der »Fake News«, das uns manipulieren und hinters Licht führen will mit in großer Zahl und maschinell gefälschten Informationen und Nachrichten. Und damit wir nicht völlig untergehen in dieser Flut an unkoordinierten Neuigkeiten, schaffen Technologieriesen wie Facebook und Google »für uns« technologiebasierte Filter (Algorithmen), die die Masse eindampfen und uns »nur noch das Relevante« präsentieren sollen. Da aber Relevanz meist gleichgesetzt wird mit Klicks und dazu noch durch Werbebudgets bei den besagten Plattformen zu »kaufen« ist, gerät oft das Oberflächliche nach oben und nicht das, was am meisten Wert ist, gefunden zu werden.

Ach ja, ich vergaß das Thema Werbung. Die bleibt auch nicht an ihrem Platz (dezent am Rand neben einem Artikel oder im Block zwischen zwei Beiträgen einer Fernsehsendung). Sie steigt über die Ufer, schwemmt über die Informationen hinweg, startet automatisch ihre Videos im Artikel über den Syrien-Krieg, schiebt sich ins Blickfeld, legt sich über unsere Texte und schleicht sich in die Blogs und Videos der »ach so authentischen« User-Inhalte. Sie überflutet den Content mit Kaufimpulsen und Marketing-Botschaften und lässt uns kaum noch Raum für den eigentlichen Inhalt. Je mehr wir sie zu blockieren versuchen, umso weiter differenziert sie sich aus, um sich in jedem Fall in unser Blickfeld schieben zu können.

Alles in allem eine herausfordernde Situation für uns als Mediennutzer. Während wir früher wenigstens wussten, worauf wir schimpfen sollten, sind wir inzwischen mehr und mehr überfordert. Wie informieren wir uns noch sinnvoll? Welche Quellen sind wirklich relevant? Welche Qualität haben die Medien noch, die ja bekanntermaßen immer mehr unter Existenzdruck geraten? Wie sollen bildungsferne Schichten sich in dieser unglaublichen Flut von Netznachrichten noch orientieren, wenn selbst gebildete Nutzerinnen und Nutzer den Überblick verlieren?

Ich glaube, das ist eine Debatte, die wir dringend führen müssen. Wir sind nicht mehr automatisch »grundversorgt« in Sachen Information. Es ist an der Zeit, sich aktiv um die Gestaltung unserer Informationslandschaft zu kümmern. Nutzerinnen und Nutzer müssen aufhören, ihre Timelines und die Google-Ergebnisliste als gegebenen Informationsfluss hinzunehmen. Stattdessen ist es fast schon so etwas wie unsere Pflicht, unser jeweiliges Informationsangebot aktiv zu gestalten – teilweise durchaus auch mit bezahlten Inhalten.

Dazu gehören für mich beispielsweise einige wesentliche Aspekte zu einem ausgewogenen Informationsangebot:

  • Öffentlich-rechtlicher Rundfunk (bei aller berechtigten Kritik an deren Angeboten)
  • ein funktionierender Lokaljournalismus (den ich bezahlen muss durch ein Abo bei der Lokalzeitung)
  • fundierte Printmedien (die ihren Inhalt nur als »Light-Version« ins Netz stellen und ebenfalls Geld haben müssen für ihre Arbeit)
  • gute und bissige Blogs (die ich aktiv suchen muss, weil Google sie mir meist nicht anzeigt)
  • schräge und unangepasste YouTuber (die von den Medien gefördert werden müssen, damit sie nicht sämtlich in den vertraglichen Fängen von YouTube landen)
  • Satire und Meinungen (gerne mit bunter Werbung drumherum, wenn das den Bestand sichert)
  • User-Ratgeber und Communities (die von Unternehmensmarketing verschont bleiben sollten)
  • Empfehlungen und Neuigkeiten von Freunden (die ich ungefiltert bekommen möchte)
  • Aufklärungsangebote von Vereinen und Verbänden (die damit nicht auf die Veröffentlichung von Medien angewiesen sind)
  • direkter Dialog mit Kompetenzträgern und Multiplikatoren (den ich dank Internet jederzeit führen kann – wenn der Partner mitmacht)

Das alles bekomme ich natürlich nicht auf einen Klick. Das muss ich mir zusammenstellen und gezielt auswählen. Auch kostet es Aufwand, da man beispielsweise immer wieder Filter ausstellen und Medienseiten gezielt aufsuchen muss. Natürlich schafft man nicht alles jeden Tag. Das ist auch nicht nötig.

Am Ende wird deutlich: Es gibt ein unglaublich großes und gutes Angebot in Zeiten digitaler Medien. Dieses Angebot muss aber jeder für sich freilegen und immer wieder ausgraben aus dem großen Strom der Nichtigkeiten, die einen online wie offline umfließen. Das ist Arbeit und verlangt Medienkompetenz. Um letztere sollten wir uns daher deutlich stärker als bisher kümmern!

Von | 2017-03-15T21:02:39+00:00 14. März 2017|Kategorien: Allgemein|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

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