Einsam in virtuellen Netzen?

Was ändern die neuen Medien im Vergleich zu den traditionellen? Welcher Umbruch in der Kommunikation vollzieht sich gerade?

Dazu ließe sich vieles schreiben. Mir erscheint derzeit die soziale Dimension sehr interessant: Vergrößern wir unsere sozialen Netze tatsächlich virtuell? Und steigt damit auch insgesamt unsere soziale Fähigkeit und unser Grad an Kommunikation?

Wirft man einen unsystematischen Blick auf die Nutzer, dann fällt einiges auf, dass spannenden Stoff für Studien gäbe. Hier seien einmal einige Thesen aufgelistet.

1. Wenn ich mich meinen virtuellen Netzen zuwende, kehre ich mich meinen realen Kontakten den Rücken.

Diese These bezieht sich zunächst einmal auf die Nutzungssituation. Um in sozialen Netzwerken aktiv zu sein, ist es notwendig, sich einem Bildschirm zuzuwenden. Damit wende ich mich notgedrungen von realen anwesenden Personen (Familie/Freunde) ab. Während man vor dem Fernsehen nebeneinander sitzend Gemeinsames erlebt und das Radio am Kaffeetisch im Hintergrund läuft, verlangt die Nutzung des Netzes ein „entweder oder“. Ich kann nicht zeitgleich twittern und reden. Der real an meiner Seite befindliche Mitmensch hat in der Regel nicht teil an meinem Austausch. Daran ändert auch mobiles Web nur wenig, denn ich schaue immer noch isoliert auf meine Tweets/Nachrichten.

2. Virtuelle Kommunikation ist begrenzter als reale Kommunikation.

Da ich in der Regel virtuell über Text kommuniziere, fehlen mir die Möglichkeiten der übrigen Kommunikationskanäle wie nonverbale Gesten, Unterstreichung durch Mimik etc. Das ist auch am Telefon so und von daher nichts Neues. Aber es geht darüber hinaus auch die Stimme und ein Hören von Reaktionen verloren. Damit reduziert sich der Dialog auf ein Mindestmaß an möglichen Ausdrucksmitteln. Dazu kommt die Begrenztheit der Menge durch die Verschriftlichung des gesprochenen Wortes. Twitter ist hier ein Paradebeispiel, da nur 140 Zeichen möglich sind. Aber auch die offene Länge hilft nicht weiter, da man nicht unbegrenzt tippen kann und möchte. Man ist sich bewusst, dass das Gegenüber auf eine Antwort wartet und diese erst erhält, wenn man selbst auf „senden“ drückt.

3. Soziale Netze sind Märkte und ich schreie nicht alles auf dem Marktplatz heraus.

Ein Großteil der Netzkommunikation ist nicht dialogisch, sondern wendet sich an eine Gruppe bzw. ist sogar ganz und gar öffentlich. Sie ist außerdem bleibend, da schriftlich. Dies hat zur Folge, dass „Netzgespräche“ deutlich weniger offen, privat und oft auch emotional gedämpft sind. Das Netz wird oft mit einem Marktplatz verbunden und dieses Bild stimmt auch hier: Ich erzähle nicht die „Sofageschichten“, sondern die „Bus“- oder „Marktplatzgeschichten“. Also das, was Zuhörer verträgt und mich nicht blöde aussehen lässt.

4. Virtuelle Kontakte sind immer ein Verlust gegenüber einem realen Gespräch.

Fasst man die oben genannten Erkenntnisse zusammen, ergibt sich, dass ein Dialog mit meinen Freunden im Netz immer blasser, eindimensionaler und oberflächlicher bleibt als ein reales Gespräch. Dies ist per se nicht schlimm, wird aber fatal, wenn man den Aspekt der Bequemlichkeit (gerade bei Teens) hinzunimmt: Es ist deutlich einfacher zu chatten anstatt sich zu treffen. Ist also der virtuelle Austausch die Leitform des Dialoges bei den digital natives, so wird die Reduziertheit zum Standard. Das könnte durchaus bedenklich stimmen.

5. Viele Freunde im Netz kennt man nicht.

Zwar schildern uns junge Menschen, dass sie sich „nur mit Menschen vernetzen, die sie kennen“. Dies ist aber relativ. Mit der Zeit wächst meist ein Netzwerk heran, dass nicht ausschließlich aus realen Bekanntschaften besteht. Gerade bei Twitter ist oftmals der überwiegende Teil der Follower nicht persönlich bekannt. So ist man von einem Kreis von Menschen umgeben, die man nicht kennt, denen man sich aber dennoch verbunden fühlt. Das ist komplett neu. Während man früher beispielsweise in einem Verein Menschen nach und nach kennenlernte, hat man bei Facebook und Twitter oft über lange Zeit Freunde, die man nicht kennt. Diesen „Freunden“ fühle ich mich dennoch verpflichtet. Sie haben einen Stellenwert, der sogar oftmals zu einer Herab-Priorisierung des realen Umfeldes (z.B. der eigenen Familie) führt. Einerseits ist dieses virtuelle, lose Beziehungsgeflecht in jedem Fall eine Bereicherung des realen Bekanntenkreises. Man muss sich aber bewusst machen, wie belastbar diese Beziehungen eigentlich sind.

6. Das Reden im Netz ist einfach und verführerisch.

Der Stellenwert gerade der „unbekannten Freunde“ steigt dadurch, dass das Reden im Netz so eindimensional ist wie eben beschrieben. Ich muss mich nicht komplett einbringen, ich kann eine lockere Distanz halten, kann Gespräche oberflächlich unterhaltsam führen und mich im Zweifel irgendwann aus einem Dialog abmelden. Lügen ist leichter im Netz als im realen Dialog. Entfolgen ist leichter als „verstoßen“. Nur die besten Seiten von sich zeigen fällt virtuell ebenfalls leichter als real… Dies führt dazu, dass der virtuelle Dialog gerade mit Menschen, die nur meine Netzidentität kennen, gegenüber dem realen Austausch mit Freunden an Faszination gewinnt und eventuell irgendwann vorgezogen wird.

7. Das Netz macht einsam.

Dies ist sicher eine gefährlich zugespitzte These. Aber eines ist sicher: Meine alten Bekannten bei „stay friends“, meine Twitter-Follower und auch meine weltweiten Facebook-Freunde werden nicht ernsthaft da sein, wenn ich sie brauche. Sicher gibt es im Netz Solidargemeinschaften. Sicher verlängern sich ins Netz auch echte Freundschaften. Aber ein Gros der Beziehungen sind „Schön-Wetter-Beziehungen“. Sie sind flüchtig und flüchten, wenn man selbst Unterstützung braucht. Konzentriert sich also ein Webnutzer auf diese Art der Beziehungen, sonnt er sich in seiner erfolgreichen Netzidentität, verwendet er viel Zeit auf das virtuelle Beisammensein, dann bedeutet dies, das die realen Bezüge zu kurz kommen. Man wird einsam.

Nachtrag:

Ich habe diesen Beitrag vor Veröffentlichung dem Kollegenkreis gezeigt und aus dem Team gab es deutliches Feedback. Meine Sichtweise entspräche der typisch kulturpessimistisch-kritlerischen Sicht. Die Chancen, die das Netz und Vernetzung bieten, seien nicht erwähnt und kämen nicht zur Geltung. Außerdem könne man meiner in manchen Augen sehr negativen Sicht nicht folgen.

Ich habe den Beitrag daraufhin liegengelassen und wollte ihn eigentlich abmildern. Doch nach aktuellem Wieder-Lesen habe ich mich für die Veröffentlichung entschieden. Ich finde, es ist Aufgabe der Medienpädagogen und Medienforscher die Grenzbereiche auszuloten und mögliche Folge- und Nebenwirkungen von neuem Mediennutzungsverhalten zu analysieren. Die oben beschriebene „virtuelle Einsamkeit“ ist für mich eine solche Folgewirkung.

Natürlich gibt es auch andere, auch positive. Aber das spreche ich auch nicht ab. Sie werden sicherlich ihren Niederschlag in anderen Beiträgen dieses Blogs finden bzw. sind dort schon gelandet…

Von | 2010-08-11T11:19:17+00:00 11. August 2010|Kategorien: Allgemein, Internet, Kommunikation, Medienforschung, Social Web|Tags: , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

8 Kommentare

  1. Cathrin Jacob 12. August 2010 um 8:49 Uhr

    Die Kluft zwischen Internetromantisierern und -pessimisten scheint vor allem bei den Digitalen Immigranten besonders groß zu sein. Faszinosum oder Teufelswerk? Warum gibt es hier nur schwarz oder weiß?! Ich denke, wer gelernt hat (und das sind wohl vor allem die Digitalen Nativen), selbstverständlich mit dem Internet mit all seinen Facetten, seien es soziale Netzwerke, Blogs etc., umzugehen, es als „Möglichkeit“ zu nutzen, wenn er es braucht: Der wird sich diese Frage gar nicht stellen. Der wird ganz selbstverständlich versuchen, die Balance zu halten zwischen virtuellem und realem Leben. Vorausgesetzt natürlich – und da gebe ich mich keiner Illusion hin – er hat ein stabiles Umfeld/Elternhause und/oder eine entsprechende Schulbildung, die auch Medienkompetenz lehrt. Es beruhigt mich auf jeden Fall, dass die sprichwörtliche Jugend von heute offenbar lieber Fußball spielt als stundenlang im Internet zu surfen (s.u.A. Spiegel-Artikel „Null-Blog-Generation“ Ausgabe 31/2010). Und nun muss ich noch den guten alten Hegel aus den Tiefen meiner Erinnerung an den Philosophie-Unterricht in der Schule heben: Der Mensch ist nur dann in der Lage, seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Selbstbewusstsein herauszubilden, wenn er Anerkennung durch einen Gegenüberstehenden erhält. Da er von „GegenüberSTEHENDer“ schließe ich einfach mal daraus, dass virtuelle Netzwerke nur zum Teil das Bedürfnis nach Anerkennung befriedigen werden können. Es ist halt doch was anderes, sich mit Gleichgesinnten im Dreck zu wälzen auf der Jagd nach einem Ball, als bei Farmville sein Feld neu zu bestellen.
    Was ich eigentlich sagen will ist: Ich halte virtuelle Netzwerke nicht für einen Sumpf der Vereinsamten. Er birgt zwar Gefahren, aber über diese müssen wir unsere Kinder ausreichend aufklären. Dann werden sie ihre Balance selbst finden.

  2. thilo 12. August 2010 um 9:19 Uhr

    Ich enthalte mich hier eines expliziten Kommentars, nutze wohl aber die Gelegenheit, an dieser Stelle noch einmal auf Kathrin Passigs vortreffliche Standardsituationen der Technologiekritik zu verweisen.

  3. Nerd? 17. August 2010 um 8:40 Uhr

    Du warst vorher auch schon einsam und hast in der Schule in der Ecke gestanden. Das bist Du und nicht das Netz schuld. Mein Leben ist viel einfacher, kommunkativer und lustiger mit den Netzwerken geworden. Und mehr Leute, mit denen ich mich im realen Treffen treffen kann habe ich auch. Und ja – es sind Freunde. Freundschaften wie es sie immer gab. Du bist der Nerd – nicht das Netz.

  4. Anonymous 20. August 2010 um 5:54 Uhr

    Sehe ich auch so guter artikel

  5. Cathrin Jacob 21. August 2010 um 16:34 Uhr

    Leider findet man ihn nicht im Internet, aber ich las soeben einen ganz passenden Beitrag von Ruben Karschnick im aktuellen ZEITMAGAZIN. (Ja, die Printausgabe!)
    Titel: Echt jetzt?
    Weiter: „Wir treffen uns bei Facebook statt im Café. Wir sind süchtig nach der nächsten neuen Nachricht. Und sehnen uns doch nach wahrer Freundschaft.“ Das Bewusstsein zu und über Einsamkeit bei Heranwachsenden ist vielleicht ein anderes, aber die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Freundschaft, nach einem Sinn im Leben war immer schon da, virtuelle soziale Netzwerke hin oder her. Habt ein schönes Wochenende hoffentlich irgendwo in der Sonne mit eine paar Freunden an eurer Seite!

  6. Valerie Kondor 4. September 2010 um 7:16 Uhr

    Gegen die Einsamkeit im Internet gibt es anscheinend schon „Social Networking Treffs mit Tiefgang“, genannt „TALISUND Treffs“ – hab unlängst ein Buch dazu gelesen, nachdem jemand so eine Gruppe hier in Bonn angekündigt hat.

    V.K.

  7. Virtuelle Welt der Computer | Kwalae Verlag 16. Januar 2011 um 8:05 Uhr

    […] … Da nichts mehr greifbar ist, haben wir eine virtuelle Welt erfunden. Bei Facebook suchen wir nach Freunden, die wir persönlich sehr wahrscheinlich nie kennen […]

  8. Virtuelle Einsamkeit 2.0 | dreitunes.de 28. Oktober 2011 um 22:56 Uhr

    […] noch ein interessanter Link zum Thema: Einsam in virtuellen Netzen   Weitersagen! Kurz-URL, Facebook & Twitter: […]

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