Drei Beobachtungen zum Fernsehen der Zukunft

Fernsehen scheint im Unterschied zu anderen Medienbranchen (Musikindustrie, Filmindustrie, auf Papier gedruckter Nachrichtenjournalismus) von der digitalen Revolution noch vergleichsweise wenig betroffen. Die Nutzerzahlen steigen nicht nur in Deutschland auf Rekordwerte: Die Menschen gucken mehr Fernsehen denn je.

Ich glaube, dieser Blick auf aktuelle Nutzerzahlen und Nutzungsdauer verstellt ein wenig den Blick darauf, dass auch diese Welt gerade vom umwälzenden Medienwandel unserer Zeit erfasst wird. Dazu drei Beobachtungen:


1. Fernsehen ist schon lange nicht mehr der einzige Anbieter von Bewegtbild. (Und die anderen Angebote legen gerade erst los.)

(Bildquelle: (CC BY-SA 2.0) Tom Raftery| flickr.com)


Zunächst vielleicht eine kurze Abgrenzung: Unter „Fernsehen“ verstehe ich das lineare Ausstrahlen von Bewegtbild in einem fixen Zeitschema. Dieses Vorgehen kann in einer digitalen Medienwelt nicht mehr das allgemeine Leitmodell für Bewegtbild sein. Digitale Medien bieten nämlich eine Vielzahl zusätzlicher Möglichkeiten: zeitversetztes Sehen, Skippen („Vor- und Zurückspulen“), gezielte Auswahl von Inhalten („On-Demand-Abruf“), Einbettung in andere Kontexte (Webseiten etc.), das Weiterverarbeiten und Verändern von Inhalten (Mash-Ups), usw.

Das bedeutet nicht, dass per Broadcast ausgestrahltes Fernsehen (das heißt: einer sendet, viele andere gucken gleichzeitig zu) verschwinden wird. Nutzungskontexte, in denen dies gut passt, wird es weiterhin geben. Aber vielen Motiven lässt sich in anderen Nutzungskontexten mit digitalen Möglichkeiten vermutlich besser begegnen: Wer sich gezielt informieren will, ist mit einem Text, der optional begleitendes Bildmaterial enthält, wahrscheinlich besser aufgehoben als bei der 15-Minuten-Tagesschau. Wer eine Show guckt, die Pausenhofthema ist, nutzt vielleicht lieber ein Angebot, das man mit anderen parallel starten kann und das Facebook integriert. Wer herumzappen will, um zu schauen, was gerade so läuft, findet vielleicht angenehmere Unterhaltung, wenn er nicht lediglich den TV-Sender wechselt, sondern zwischen den Angeboten wandert, die auf seinen bisherigen Nutzungsgewohnheiten, definierten Vorlieben und aktuellen Empfehlungen anderer Nutzer und Freunde basieren.

Das ist heute alles technisch überwiegend möglich. Es existiert ein breites Spektrum an Angeboten von YouTube über Google-TV und Maxdome bis hin zu wie T-Entertain, das viele dieser Möglichkeiten für ein breites Publikum bietet. Bei der Beurteilung von Erfolg und Perspektiven darf man nicht vergessen, dass diese neuen Möglichkeiten (Breitbandanschlüsse, verbreitete Nutzung von Social Media etc.) erst seit ein paar Jahren marktreif sind und nun auf ein halbes Jahrhundert etablierter TV-Kultur prallen. Diese Kultur ändert sich nicht sofort. Aber wenn es passieren wird, passiert es rasant – wie immer bei grundlegenden Veränderungen.


2. „Soziale Medien“ und „Fernsehen“ ergänzen und erweitern einander zu etwas Neuem. (Dessen Gestalt bildet sich gerade erst heraus.)



Neben der reinen TV-Nutzungsdauer ist auch die Parallelnutzung von TV und Web auf dem Vormarsch. Ich glaube, dass sich beides vortrefflich ergänzt, und dies eine große Perspektive für die Evolution von Fernsehen ist: interessanter Live-Content, bei dem die Menschen via Social Media gemeinsam dabei sein wollen. Mein persönliches Lieblingsbeispiel: 2010 war meine Twitter-Timeline unter dem Hashtag #esc plötzlich voll mit witzigen Kommentaren zu den Auftritten beim European Song Contest. Ich habe daraufhin erst den Fernseher  eingeschaltet und fühlte mich dann aber bestens unterhalten – nicht weil mich die TV-Show an sich interessiert hat, sondern, weil es ausgesprochen unterhaltsam war, mit den „Homies“ aus der Timeline gemeinsam zu gucken, Quatsch zu machen und dann auch tatsächlich mitzufiebern.



Fernsehen war ja angeblich schon immer ein elektronisches, gemeinsames Lagerfeuer, und was liegt da näher als „Social Media“? Mittlerweile gibt es in dieser Hinsicht einige systematische Ansätze: Entwicklungen, diese beiden Welten zu verbinden, werden sowohl aus dem Web (z. B. die „Fernsehguck-Community“ Couchfunk) als auch aus dem TV heraus (z. B. die interaktive TV-Show „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“) vorangetrieben.



3. Fernsehen ist so einfach. (Und die digitale Konvergenz von Internet und Fernsehen ist nicht einfach genug – noch nicht.)


Im Web sind insbesondere solche Angebote absurd erfolgreich sind, die „überconvinient“ sind: Google, Amazon, Facebook, iPhone/iPad. Diese Angebote und Geräte leben alle davon, dass sie irre einfach sind. Auch das klassische Fernsehen ist ein gutes Beispiel für eine solche bequeme Angebotsreduktion. Kein lästiges „Hochfahren“ oder Anmelden, einfach einschalten (oder eingeschaltet lassen), und man kann und soll nicht anderes tun, als per Fernbedienung einen Sender zu wählen.

In der zukünftigen digitalen Medienwelt, die Fernsehen, Social Media, On-Demand-Internetinhalte, Lean-back- und Lean-Forward-Nutzung verschmilzen lässt, wird sich nur durchsetzen, was extrem einfach sein wird. Dabei ist heute alles schon da, bloß hat es noch niemand zu einer gut geölten und als Einheit wahrnehmbaren Ganzheit zusammengefügt.

Aber wenn der Anschein nicht trügt, schickt sich das reichste Unternehmen der Welt gerade an, genau das zu tun. Nachdem Apple schon mit dem iPod den Musikmarkt, mit dem iPhone den Mobilfunkmarkt und mit dem iPad den PC-Markt grundlegend verändert hat, ist der nächste Schritt, genau das jetzt mit Fernsehen zu tun.

Ich denke, die Zeichen der Zeit sprechen dafür.

By | 2012-03-19T15:56:39+00:00 19. März 2012|Categories: Fernsehen, Social Media|Tags: , , , , , |

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Ein Kommentar

  1. viewser 24. Juli 2012 um 15:37 Uhr

    Hey! ich habe noch eine Social TV Plattform entdeckt: http://www.zapitano.de/ Bald erscheint auch hier eine App. Schaut doch mal vorbei, wenn euch das Thema interessiert!

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