Docupy: Vom Experiment zum Erfolgsformat

Vor einiger Zeit war Dr. Udo Grätz, stellvertretender Chefredakteur WDR und Leiter der Programmgruppe Inland, bei result zu Gast. Wir kennen uns noch aus der Zeit, da ich als freie Mitarbeiterin beim Westdeutschen Rundfunk mit ihm zusammengearbeitet habe. Entsprechend hat es mich gefreut, diesen kompetenten, engagierten und sympathischen Fernsehmann wiederzutreffen und mit ihm über seine Arbeit zu sprechen.

Thema unseres Gesprächs war Docupy, ein neues Format des WDR in Zusammenarbeit mit der bildundtonfabrik (btf). »Eigentlich war es als Experiment gedacht. Wir suchten nach einem Format, dass sowohl für die Onlinekanäle optimal funktioniert als auch im Fernsehen«, erklärt der Journalist. Die Digitalisierung und der damit verbundene Medienwandel sind für Grätz fundamentale Herausforderungen, denen sich das Fernsehen stellen muss: »Wir müssen neue Wege finden, um unsere Inhalte zuverlässig an ihr Publikum zu bekommen. Das lineare Fernsehen funktioniert nicht mehr für alle und in jeder Situation.«

Die hochwertigen Clips von docupy wurden von Print-Medien häufig zur Zweitverwendung angefragt.

Die Idee von Docupy sei es, ein Thema möglichst nachhaltig und breit im Netz zu beleuchten. Zum Jahresende 2017 wurde das Format erstmals umgesetzt, und zwar mit dem Thema »Ungleichland«. Damit waren auch gleich zwei Hashtags definiert, die sich im Netz etablieren konnten: #docupy und #ungleichland. Es wurden über 100 kurze Videos zum Thema produziert, die auf den verschiedenen Social Media-Plattformen verbreitet wurden.

Udo Grätz: »So richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt, als die ersten Print-Medien angefragt haben, ob sie die Clips auf ihren Onlineseiten einbinden könnten. Wir haben das intern diskutiert und entschieden, dass wir eine solche Zweitnutzung genehmigen, wenn das WDR-Logo gezeigt und keine Werbung eingefügt wird. Unsere Filme wurden daraufhin sehr häufig angefragt.« Der Erfolg hat dann alle Beteiligten regelrecht überrascht: Insgesamt wurden 6,8 Millionen Views verzeichnet und auch die Doku »Ungleichland« erreichte im Mai in der ARD 2,67 Millionen Zuschauer. »Besonders erfreulich war, dass wir durch die alternativen Verbreitungswege auch deutlich jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer interessieren konnten«, betont Udo Grätz. Damit hat Docupy ein Ziel erreicht, das gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen immer wieder formuliert wird.

Aber was war denn nun das Geheimnis dieses großen Erfolges? Der Fernsehmann Grätz ist sich sicher: »Ich bin überzeugt, der Aufwand und die Qualität der Clips und Filme spielt eine große Rolle, vor allem, wenn man unsere Clips mit den gängigen Webangeboten und Webvideos vergleicht.« Das auf ein halbes Jahr angelegte Projekt entstand gemeinsam mit einem hochmotivierten und professionellen Team der bildundtonfabrik (btf).

Rückblickend sei Docupy für alle Beteiligten ein spannender und fruchtbarer Lernprozess gewesen. Man habe auf dem Weg viel verstanden und vieles genauer analysiert, was im Web passiert. Die Wirkmechanismen von journalistischen Inhalten im Netz seien daran sehr gut erkennbar gewesen. Udo Grätz: »Wenn wir erfolgreich ins nächste Jahrhundert kommen möchten, müssen wir uns auf unsere Kernwerte besinnen. Wir möchten Inhalte journalistisch gut aufbereiten und an unser Publikum vermitteln. Das ist zumindest mein journalistisches Verständnis. Wir setzen darauf, dass die User unseren Inhalten vertrauen, weil sie unter der Einhaltung hoher Standards entstehen.«

Und wie geht es jetzt weiter? »Wir wollen in eine zweite Runde gehen. Mit einem neuen Thema. Im Oktober geht es los«, so Grätz. Er ergänzt: »Wir werden nicht mehr finanzielle Mittel bekommen. Also stellt sich die Frage, wie wir die bestehenden Budgets verteilen. Das Projekt war extrem aufwändig. Wenn wir auf diesem Weg weitergehen, müssen wir vielleicht ein oder zwei klassische Dokumentationen weniger machen. Dies gilt es, zu diskutieren und zu entscheiden. Wir nutzen die neuen Erfahrungen mit Docupy, um in der Beurteilung sicherer zu werden, wie wir Ressourcen aus der linearen Welt in die non-lineare verschieben.«

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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