Digitalisierung und Kultur: Die Stürmung des Elfenbeinturms

Wenn man Kultur an der digital-realen Schnittstelle erlebt, dann fällt mir eines besonders auf: Kultur ist wie Versicherung, nur extremer. Ich denke, den Satz muss ich erklären. 

Kulturangebote (genau wie Versicherungen) haben immer schon davon gelebt, einen Status weit über ihrem Publikum (Kunden) und ihren Interessenten einzunehmen. Kultur (im engeren Sinne der Hochkultur) hat sich nie und nirgends durch Augenhöhe ausgezeichnet. Sie war (ist) überhöht. Sie steht auf Sockeln, auf Bühnen, in imposanten Gebäuden, mit anderen Worten: Sie steht über dem »normalen Volk«.

Aus dieser Position kann man verkünden, erfreuen, aufklären und beseelen. Bei Versicherungen ist das ähnlich (was natürlich nur ein Nebengedanke ist): Sie können aus ihrer erhöhten Position heraus schützen und sichern, umfassend wie ein Engel.

Das Dumme ist, dass diese Art von Beziehung »Groß gegen Klein« mit dem digitalen Wandel nicht mehr funktioniert. Im (sozialen) Netz gelten neue Regeln (die den meisten nicht bewusst sind). Es gibt eine deutliche Verschiebung von der Macht der Anbieter hin zu einer Macht der Nachfrager. Dies führt im digitalen Raum zu einem völlig anderen Klima.

Es gilt: Digitaler Dialog funktioniert in erster Linie auf Augenhöhe. Institutionen, Verlautbarungen, Überhöhungen sind nicht per se akzeptiert. Stattdessen gilt Authentizität, Nähe und Austausch unter Gleichberechtigten.

Das Volk stürmt die Elfenbeintürme.

Dies ist eine Chance, aber auch eine Gefahr für die Kultur (die Folgen für Versicherungen muss man an anderer Stelle diskutieren).

Da die Gefahren und Chancen aus denselben Aspekten herrühren, behandele ich sie im Folgenden gemeinsam. Meine Basis sind die nunmehr folgenden fünf Thesen.

 

Kultur muss sich am Publikum messen lassen

Ein wichtiges Merkmal der Kultur war in ihrem Selbstverständnis immer ihre Unabhängigkeit. Kunst und Kultur folgen nicht dem Mehrheitsgeschmack. Es sind Ausdrücke kreativer Prozesse, die gänzlich unabhängig sind vom Gefallen – ja sogar von dem Wahrnehmen durch ein Publikum.

Dies war schon immer irgendwie richtig und irgendwie falsch. Denn egal ob digital oder analog. Künstler müssen leben und dafür benötigen sie Einnahmen. Diese Einnahmen kommen von Förderern (öffentlich oder privat), vom Publikum, egal von wem. Der, der fördert, hat immer eine positive Meinung von der Kunst, die er fördert, und ist am Ende immer auch Beeinflusser.

Dennoch: Die Unabhängigkeit der Kultur vom Massengeschmack ist unbestritten ein hohes Gut. Das es zu erhalten gilt. Kunst und Kultur müssen nicht gefallen und sollten schon gar nicht gefällig sein.

Wieder dennoch: Im digitalen Raum wird das Publikum bewerten, was es sieht – zeitnah und direkt. Es erwartet, dass die Kunst ihr nahe kommt. Nicht umgekehrt. Und das ist auch in Ordnung. Denn das zwingt Kunst und Kultur, sich am Publikum zu messen. Und auch, wenn es nicht die Massen sein sollen: Irgendwer ist immer Adressat eines kulturellen Angebots. Irgendwer ist Zielgruppe und auch für unabhängige Kunst und Kultur ist es eine Pflicht, sich mit dieser Zielgruppe und ihren Meinungen auseinanderzusetzen. Oft genug, wird unter dem Titel »Kunst« einfach nur etwas produziert, was keinen interessiert und niemandem gefällt. Und was schlichtweg nicht relevant ist. Das hört im digitalen Raum möglicherweise auf.

 

Kultur muss sich erklären

Oft versuchen Kulturschaffende, ihre Produkte dadurch zu überhöhen, dass sie sie möglichst stark verschlüsseln. Sie sprechen in einer komplizierten und elitären Sprache über ihre Kunst. Sie setzen voraus, dass das Publikum genauso viel weiß wie sie. Man lese einmal Ausschnitte aus Programmheften oder Museumsführern, um zu verstehen, was ich meine.

Hochkultur ist intellektuell und elitär. Der Elfenbeinturm hat schmale Türen. Laien sind bloß Zaungäste, oftmals wenig akzeptiert oder sogar nicht gewollt.

Diese Haltung ist bei vielen der Grund, warum sie die digitale Kommunikation scheuen. Dort treffen sie auf ein Publikum von interessierten Neugierigen. Dort traut man sich als Zuhörer oder Zuschauer Fragen zu stellen und zu sagen, was man im Opernhaus nie erfragen oder kundtun würde. Und die Kultur muss sich erklären.

Ich sehe das als eine große Chance. Meiner Meinung nach die größte Chance für Kultur: Sie kann die Zaungäste zu Fans machen – Barrieren abbauen, sie motivieren und ihnen Mut machen, sich Kultur zu nähern. Aber das funktioniert nur, wenn Kultur lernt, auch ihre Sprache zu sprechen.

Kunst und Kultur müssen ihre (oft unbewusst gepflegte) Arroganz ablegen und sich öffnen. Sie müssen lernen, die Sprache ihrer Kunden zu sprechen. Denn es ist die Pflicht der kulturellen Einrichtungen, alles dafür zu tun, dass möglichst viele an ihren Angeboten teilhaben können.

Eine Sorge ist, Kultur würde dadurch zu stark vereinfacht. Sie würde trivialisiert und am Ende entzaubert. Dieses Risiko besteht möglicherweise wirklich. Aber die Chancen sind in meinen Augen größer als die Gefahren.

 

Kultur muss für sich werben

Auf der einen Seite werden »Grauhaar-Konzerte« in den Kultureinrichtungen immer wieder kritisiert. Überall in der Kultur geht es um Verjüngung. Auf der anderen Seite fühlen sich viele Institutionen recht wohl mit ihren Abonnenten. Sie haben ein treues, altgedientes (wörtlich zu nehmen) Publikum. Mit ihm kommen sie zurecht, für dieses muss man nicht mehr werben. Und: Dieses weiß sich in Konzerten, im Theater zu benehmen.

Für die Kinder und Jugend hat man darüber hinaus ja die Kulturvermittlungsangebote. Das ist fein und sollte reichen, oder?

Tatsächlich reicht es nicht. Jeden Tag sollte Kultur und Kunst neu für sich werben. Ich war tief beeindruckt, als mir Serge Gorny kürzlich erzählte, er habe sich bewusst vom Abonnenten-Publikum getrennt, um in seiner Oper Platz für neue Besucher zu schaffen. Diese zieht er Saison für Saison wieder neu an: mit Werbung, Veranstaltungen, Gesprächen. Das ist mutig. Das ist richtig.

Doch auch diese These hat eine Schattenseite: Das Geld, was für Werbung investiert wird, fehlt am Ende den Künstlern. Und ist es wirklich richtig, Leute aktiv in Kulturveranstaltungen zu locken, mit denen sie dann nicht professionell oder auf wertschätzende Weise umgehen? Sind das nicht »Perlen vor die Säue« geworfen? Dieser Aspekt ist sicher hart zu diskutieren. Jede Kultureinrichtung hat die Pflicht, sich über Werbung im digitalen Raum Gedanken zu machen. Diese Möglichkeit der Ansprache einfach zu ignorieren, gilt in meinen Augen nicht.

 

Das Publikum will mitreden

Durch die Digitalisierung verändert sich das Publikum. Es wird mächtiger und selbstbewusster. Es will Erklärungen. Aber nicht nur das. Es will oftmals sogar mitreden.

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Bei den Massenmedien war das schon immer so: »Warum spielt ihr nicht diese Musik oder zeigt jene Sendung?« Das waren und sind häufig gestellte Fragen von Hörern und Zuschauern. In der Hochkultur sieht die Situation anders aus: Die Mehrheit hat zu großen Respekt vor diesen Angeboten, um sie infrage zu stellen oder gar mit entscheiden zu wollen.

Dies ändert sich langsam. Es gibt leise Versuche im Netz, das Publikum als »Kuratoren« einzubeziehen, Angebote anzupassen an die Wünsche der Nutzer. Und dies wird irgendwann vom leisen Ruf zur lauten Forderung werden: Wir als Zuschauer, Besucher, Betrachter wollen – vielleicht nicht immer und überall – doch grundsätzlich Einfluss nehmen auf die kulturellen Angebote.

Ein schwieriger Punkt. Denn auch hier ist die Unabhängigkeit der Kultur ein wertvolles Gut. Wo ist die Grenze? Kann man Museumsdirektoren und Opernintendanten tatsächlich durch Onlinevotings ersetzen oder auch nur ergänzen? Ich denke: Teils, teils. Kulturinteressierte haben das Recht, ihre Wünsche zu äußern. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen: Sie haben das Recht, dass ihre Wünsche in die Überlegungen von Intendanten und Kuratoren einbezogen werden. Dadurch geht noch nichts kaputt. Man sollte es einfach mal ausprobieren…

 

Jeder darf Kultur kritisieren

Die Modebranche hat gejubelt, als die Modeblogs kamen. Endlich unabhängig von Vogue & Co. Endlich eine Chance, direkt mit dem Publikum oder Vertretern des Publikums zu sprechen. Endlich eine zweite Stimme, die zwar auch meckert und kritisiert, aber eine Demokratisierung der Meinungen mit sich bringt.

Die Kulturbranche höre ich nicht jubeln. Sie sollte aber möglicherweise mal damit anfangen: Endlich gibt es die Chance, von den immer gleichen Kritikern unabhängig zu werden. Endlich andere Stimmen, die meckern und loben und dies aus der Warte des Zuschauers statt des intellektuellen Analysten. Ist doch schön, oder?

Nein, sagt die Kultur (häufig jedenfalls) dazu. Das sei nicht schön. Da rede plötzlich Hinz und Kunz von Dingen, die er nicht verstehe. Da kritisiere und lobe jemand völlig ohne Sachverstand! Und dann sei es plötzlich doch der gemeine Massengeschmack, der das Sagen habe.

Ich wäre da entspannter: Sachverstand und Professionalität in Kunst und Kultur ist nicht unbedingt das bessere Maß der Bewertung als gesunder Menschenverstand. Und eine Kritik will ja erst einmal nur gesagt sein. Möglicherweise beantwortet werden. Sie verlangt ja nicht gleich eine Änderung im Tun.

Für mich ist in diesem Punkt klar das Pro deutlich stärker als das Contra. Mehrere Stimmen schaffen mehr Unabhängigkeit und Vielfalt. Genau das, was Kultur im Kern ausmacht. Also jubelt endlich, liebe Kulturschaffende!

Von | 2016-11-24T10:39:11+00:00 22. November 2016|Kategorien: Allgemein, Kommunikation, Kultur|

Über den Autor:

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema „Digitaler Wandel/Medienwandel“.

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