Digitale Revolution: Es wird kalt draußen vor der Tür

Wer ständig im Netz unterwegs ist, vergisst es fast: Die derzeitige rasante Entwicklung im Internet und beim Themenfeld Social Media ist für viele Menschen eine Entwicklung, die bei ihnen Ängste und Sorgen schürt.

Bildquelle: CC-BY Legominose | flickr.com

Ein Beispiel: Vor ein paar Wochen traf ich eine Marketingleiterin, die gerade auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung war. Sie war sehr verzweifelt, weil sie – wie sie sagte – bislang weder einen Zugang noch ein Interesse für die Themen rund um die sozialen Medien aufbringen konnte. Sie kann sich mit der Öffentlichkeit dieser Netze nicht  anfreunden und hat persönlich keine Idee, in welcher Form sie sich dort einbringen soll. Dies mindert ihre Chancen auf eine neue Anstellung: „Derzeit stellt man im Bereich Marketing nur noch Leute mit Social-Media-Know-how ein. Das kann ich nicht vorweisen“, sagt sie.

Oder ein anderes Beispiel: Eine Familie in meinem Bekanntenkreis hatte aus Überzeugung zu Hause lange Zeit weder Fernsehen noch PC. Jetzt ist der Junge der Familie 13 Jahre alt geworden, hat sich einen PC angeschafft und ist in den sozialen Netzen unterwegs. Da er bislang aber keinerlei Erfahrung mit dem Internet sammeln konnte, ist er gnadenlos überfordert – und gefährdet. Seine Eltern fühlen sich ohnmächtig und überhaupt nicht in der Lage, ihm zu helfen.

Beide Beispiele sollen zeigen: Die digitale Revolution ist in vollem Gange und bringt mehr und mehr bestehende Berufsbilder und Familienkonstellationen ins Wanken. Die Menschen, die das betrifft, sind oftmals in großer Sorge um die eigene Zukunft und reagieren sehr beunruhigt. Sie stellen fest, dass die Fundamente ihres Jobs oder ihrer Bildungskonzepte bröckeln – mit rasanter Geschwindigkeit.

Die Hilflosigkeit, mit der diese Gruppen „draußen vor der Tür“ die Euphorie der „Netz-Insider“ beobachten, ist alarmierend. Sie sollte uns „Social-Media-Propheten“ zu denken geben. Es müssen dringend Konzepte her, um die Kluft zwischen Online und Offline, Digital Immigrant und Digital Exilant zu schließen. Hier sind alle gefordert: Unternehmen, Politik, Journalisten, Pädagogen und Netz-Pioniere. Es ist für eine Gesellschaft immer ungesund, wenn es Menschen gibt, die „draußen“ bleiben – egal aus welchem Grund.

By | 2011-07-18T07:30:49+00:00 18. Juli 2011|Categories: Social Media|Tags: , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

5 Kommentare

  1. Mike Schnoor 20. Juli 2011 um 19:40 Uhr

    Hmmm… hast Du Lust, hinsichtlich dieser Kluft aktiv zu werden – außer jetzt in dem Artikel darauf hinzuweisen?

  2. Lars Hahn 20. Juli 2011 um 19:45 Uhr

    Genau: Das sollte man in der Tat beim ganzen Hype um Google+ und Co berücksichtigen. Ich erlebe immer wieder, dass alte Unternehmenspatriarchen jetzt ganz happy sind, wenn sie ein XING-Profil haben. Dann seien sie endlich auch drin in diesem Social Media.

    Übrigens glaube ich auch, dass Skepsis, Angst, Zweifel alterübergreifend vorhanden sind. Sicherlich mit zunehmendem Alter mehr, allerdings eben auch bei einer Minderheit von Jugendlichen und Kindern. Die alle gilt es behutsam mitzunehmen und abzuholen – wenn sie denn wollen.

    Last but not least: Ich glaube ich kenne die Marketingleiterin oder eine ihrer Leidensgenossinnen. Sie macht ab nächsten Donnerstag bei uns eine Weiterbildung zur Social Media Management mit IHK-Zertifikat. Damit sie’s für den Marketingjob kann und per Papier nachweisen kann.

  3. Klaus Janowitz 20. Juli 2011 um 21:05 Uhr

    Ich denke nicht, dass das Internet und speziell Social Media zu den Dingen gehört, die Angst und Sorgen machen. Die meisten “ganz normalen Menschen” sehen es als Bereicherung und Vereinfachung, und sie nutzen es ganz pragmatisch nach Bedarf: e-mail, ebay, Preissuchmaschinen und Foren aller Art seit langem – Netzwerke solange es nützt oder Spaß macht.
    Für Marketer, Marktforscher, Soziologen, PR-und Medienleute gehört es halt zum Job auf dem laufenden zu sein. Marketer sollen verkaufen, sie müssen die Wege kennen, die (potentielle) Kunden gehen.
    Ängste und Sorgen in der Globalisierung bereiten vielmehr die unberechenbaren Finanzmärkte, die Schnelligkeit ins Prekäre abrutschen zu können.

  4. sabinehaas 21. Juli 2011 um 6:35 Uhr

    @Mike Wir planen für das kommende Frühjahr ein Projekt zur medienpädagogischen Aufklärung von Schülern, Eltern und Pädagogen. So was könnte helfen, hoffe ich!

  5. Livia Grupp 21. Juli 2011 um 9:49 Uhr

    Wir haben tatsächlich vielerorts ‘Analphabeten’ im Umgang mit Neuen Medien – und damit meine ich nicht nur im Umgang mit dem Internet, sondern auch mit den immer komplizierter anmutenden Geräten und Bezeichnungen, mit denen es erschlossen wird (Laptop, Tablet-PC, Smart-Phone).

    Natürlich gibt es auch die, die das alles sehr stark nutzen, konsumieren oder sich auch aktiv einbringen und z.B. Blogs schreiben, in Communities Beiträge liefern oder eine eigene Webseite betreiben. Die Frage, ob und wie jemand Social Media nutzt, muss zunächst einmal jeder für sich beantworten.

    Warum sollten z.B. ältere Leute unbedingt ins ‘Netz’? Dazu bräuchten Sie ein Angebot, das Ihnen liefert, was Ihnen sonst fehlt. Wenn Sie nach eigener Einschätzung nichts vermissen, so what?

    Etwas befremdend finde ich es, wenn bestimmte Informationen z.B. von der Stadt oder von einer Zeitung extra so beworben werden, dass sie nur als Zusatzangebot in einer Webseite zu finden sind. Oder wie neulich in einem Buch – da hätte ich die Titelseite mit dem Handy fotografieren müssen, um zusätzliche Info auf der Webseite abzurufen. Hab ich mir gespart ;-)

    Für Kinder bereits Medienkurse anzubieten halte ich für sehr wichtig. Denn sonst ist es wie im genannten Beispiel so, dass das Kind mit dieser bunten Welt im Netz ganz allein gelassen wird und nicht beurteilen kann, mit welchen Anbietern es zu tun hat.

    Was ich nicht kenne, macht mir natürlich Angst. Und wenn es im Beruf erforderlich ist, lohnt sich ein Kurs – dafür gibt es mittlerweile einige Angebote, sei es bei einer Social Media Akademie oder in einer Volkshochschule.

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