Die Zukunft ist digital, vielfältig und unübersichtlich – Eindrücke vom 2bAHEAD Think! Tank Zukunftskongress

Zwei Tage zum Thema Zukunft. Das hatte ich mir mal gegönnt, denn genau darum geht es ja bei uns: Wie können sich Kunden auf die digitale Zukunft vorbereiten? Ich war sehr gespannt, was mich erwartet.

Insgesamt muss ich sagen: Der Kongress hat sich sehr gelohnt. Die Location war gut gewählt, die Teilnehmer interessiert und kommunikativ und die Themen spannend. Alles in allem eine sehr lohnende Veranstaltung.

Was habe ich mitgenommen? – Im Kern 14 Gedanken, die mich noch eine Weile beschäftigen werden. Sechs davon habe ich im Folgenden mal etwas ausgeführt:

Gedanke 1: »Nutzen Sie Vielfalt!«  (Til Fabio Schäfer, Audi)

Viele Unternehmen schauen sehr besorgt auf die zunehmende Diversifizierung Ihrer Märkte. Kunden werden immer individueller, es gibt keine großen homogenen Cluster mehr, jeder hat eigene Wünsche und möchte diese erfüllt sehen. Diese wachsende Vielfalt als »Problem« zu begreifen, hemmt die Innovationskraft der Unternehmen. Schäfer rät daher dazu, Vielfalt als Chance zu sehen. Wenn man sich von den Standards verabschiedet, eröffnet sich Raum für viele neue und spannende Geschäftsmodelle.

Im Beispiel Automobil wird dies daran deutlich, dass es nicht mehr darum geht, Autos für Individualbesitzer zu bauen, sondern es geht um die Individualisierung von Mobilitätskonzepten. Das Auto spielt keine Rolle, sondern die Möglichkeiten, bequem von A nach B zu kommen sind von Interesse.

Für das zukünftige Konzept selbstfahrender Autos bedeutet das: Wir reden nicht über »driverless cars«, wir reden über »carless drivers«. Ich bin nicht sicher, ob die Automobilindustrie die damit verbundene neue Vielfalt wirklich schon begriffen hat.

Gedanke 2: »Wir brauchen B to B to C« (Frank Gassner, T-Systems)

Wenn es nicht mehr um Produkte, sondern um individualisierte Leistungen geht, dann müssen sich Industrie und Kunde miteinander verbinden. Dann reicht es nicht mehr, Produkte in verschiedenen Ausführungen vom Band laufen zu lassen und in die Vertriebswege zu überführen. Stattdessen muss der Kunde direkt seine Wünsche an die Produktion geben können.

Ein Beispiel ist der 3D-Druck. In den USA gibt es die ersten Häuserdrucker. Man malt sich ein Haus und das wird innerhalb weniger Tage gedruckt. Fertig. Und wie genau das Haus aussieht, kann völlig individuell sein, der Drucker setzt jeden statisch möglichen Wunsch um. Das ist allein eine Frage der Programmierung.

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Gedanke 3: »In der gegenwärtigen Zeit ist Vertrauen in Institutionen zerstört.« (Stephen J. Scott, Starling Trust Sciences)

Die hohe Transparenz in unserer gegenwärtigen Gesellschaft hat dazu geführt, dass enorm viele Institutionen Imageverluste erlitten haben. Bankenskandal, Kirchenskandal, Medienskandale – dies alles führt dazu, dass wir den Respekt vor und das Vertrauen in Institutionen verloren haben.

Diese Entwicklung beobachten wir auch in der Marktforschung: Vertrauen besteht nur noch im Hinblick auf »Vertraute«, sprich Freunde. Diese Gruppen werden dann auch zur Referenz für die Bedeutung und Wichtigkeit von Nachrichten, für die Qualität von Produkten etc.

Möchte man als Unternehmen Vertrauen gewinnen, sollten einen die Freunde potenzieller Kunden mögen. Sonst wird es schwierig…

Gedanke 4: »Kunden gehen offener mit Daten um, wenn sie darin einen Nutzen sehen.« (Dr. Rudolf Schmidt, ERGO Direkt Versicherung)

Obwohl das Vertrauen in Unternehmen zurückgeht, steigt andererseits die Bereitschaft, seine persönlichen Daten als Währung einzusetzen. Man »zahlt« mit Daten für bestimmte Leistungen, Vergünstigungen oder Teilnahmen an Aktionen.

Für Versicherungsunternehmen ist dies eine große Chance für neue Geschäftsfelder: Der Kunde reichert seine Daten bei der Versicherung freiwillig an und erhält dafür im Gegenzug Vorteile. Die Tarife werden passgenauer, die Prognosen richtiger.

Wenn dies dazu führt, dass jeder individuell den passenden Tarif erhält, dann erscheint das Modell den Kunden gerecht und transparent. Die Gefahren, die mit der weitreichenden Datenweitergabe verbunden sind, spielen künftig dann anscheinend kaum noch eine Rolle.

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Gedanke 5: »Datengestützte Prognosen müssen genutzt werden, die Zeit ist reif.« (Prof. Dr. Michael Feindt, Blue Yonder)

Big Data gibt uns eine Reihe von Möglichkeiten an die Hand. Je mehr Daten die Unternehmen von ihren Kunden bekommen, um so validere Prognosen lassen sich erstellen. Und technologisch ist die Analyse von Big Data keine unlösbare Herausforderung mehr.

Dies bedeutet, dass auch kleine Unternehmen ihre Daten besser nutzen können. Sie können analysieren, wie viel von welchen Produkten gekauft wird, woher die Käufer kommen, was sie sonst noch kaufen etc. Die Investitionen in systematische Datenerfassungs- und Analysetools sind meist lohnend, da man dadurch oftmals viel Geld sparen kann.

Das Beispiel von Prof. Feindt war die Analyse von Warenverkäufen in Supermärkten. Er hat ein Prognosetool entwickelt, was es ermöglicht, den Bedarf in den Supermärkten tagesgenau vorherzusagen. Damit sinkt der Anteil überzähliger Produkte spürbar ab.

Spannend fand ich in diesem Zusammenhang die Argumentation, dass solche datengestützten Prognosen oftmals objektiver und damit auch »gerechter« seien als Vor-Urteile, die der Mensch trifft.

Die Frage, die sich mir stellt: Wer hat die »Macht« über Big Data? Und wie transparent sind die Prognosen im Vergleich zu menschlichen Urteilen?

Gedanke 6: »Die Technologie ist nur so sinnvoll und nützlich wie die Aufgabe, der sie dient.« (Prof. Dr. Holger H. Mey, Airbus)

Dieser Gedanke klingt banal, ist aber für die gesamte digitale und technologische Entwicklung entscheidend. Man kann keine Technologien per se verteufeln oder idealisieren. Egal, was gerade erfunden wird und sich in Zukunft noch erfinden lässt: Die Aufgabe, für die Technologie eingesetzt wird, entscheidet darüber, ob die Folgen gut oder böse für uns sind.

Und dieses Thema fehlte ein wenig auf dem Zukunftskongress. Daher war es gut, dass Prof. Mey genau dies in einem der letzten Vorträge ansprach: Wir müssen als Gesellschaft und politisches System immer bewerten: Was sind die Folgen? Wie reagieren die guten und bösen Kräfte auf neue Technologien und was setzen wir den Entwicklungen entgegen, die wir nicht haben möchten?

Die Gesellschaft braucht mit genauso rasanter Geschwindigkeit einen moralisch-gesetzlichen Fortschritt wie es einen technologischen Fortschritt braucht. Und das kann nicht in Vielfalt individuell gelöst werden. Hier benötigen wir Konsensfähigkeit. Die geht allerdings gemeinsam mit der Kompromissfähigkeit verloren, wenn wir immer mehr gewohnt sind, alles nach unseren Wünschen zu bekommen. Ein interessantes Dilemma, mit dem sich vielleicht der kommende Zukunftskongress befassen sollte.

Von | 2015-07-14T12:31:39+00:00 30. Juni 2015|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Trends, Veranstaltung|Tags: , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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