Die Stärken unserer Klassiker (4): Musiktitelforschung

Vielleicht kennt es der ein oder andere: Das Telefon klingelt, eine freundliche Interviewerin meldet sich mit: »Guten Tag. Mein Name ist … vom Markt- und Medienforschungsinstitut … Wir möchten gerne eine Musiktitelbefragung durchführen …« Wer nun einwilligt in ein Interview, hört über das Telefon 20 bis 25 kurze Musiktitelausschnitte (sogenannte Hooks) nacheinander und beantwortet zu jedem Ausschnitt dieselben drei bis fünf Fragen. Und damit hilft man tatsächlich dem Radiosender? Aber wobei eigentlich? 

Wie funktioniert Musiktitelforschung?

Nicht nur in NRW, auch europa- und weltweit führen Radiosender Musiktiteltests durch. Die Vorgehensweise ist dabei überall zumeist recht ähnlich. Im Abstand von ein, zwei oder vier Wochen werden Personen im jeweiligen Sendegebiet angerufen und nach ihrer Meinung zu einer bestimmten Anzahl von Musiktiteln gefragt. Alternativ kann diese Befragung auf online durchgeführt werden, aber derzeit ist die telefonische Befragung in diesem Bereich immer noch führend. Die Interviews sind in Abhängigkeit der Titelanzahl und der Anzahl an Fragen, die zu jedem Titel beantwortet werden müssen, zwischen 15 und 30 Minuten lang. Im Anschluss an die Befragung werden die erhobenen Daten zeitnah ausgewertet und dem Sender für interne, strategische Entscheidungen zur Verfügung gestellt.

Wer und wie viele Hörer werden angerufen?

Die Anzahl an durchgeführten Interviews hängt stark von der strategischen Ausrichtung der Musiktiteltests und der späteren Auswertung ab. Eine verbreitete Strategie ist es, Hörer und potenzielle Hörer (also Personen, die den Kriterien der Zielgruppe entsprechen) zu befragen. Hier kann wiederum nach Alter, Geschlecht, WHK (weitester Hörerkreis) etc. aufgesplittet bzw. quotiert und im Anschluss ausgewertet werden.
Theoretisch kann jeder, der im Sendegebiet wohnt und zur Zielgruppe gehört, befragt werden. Die Telefonnummern werden dabei mittels einer Zufallsstichprobe gezogen. In die Stichprobenziehung gehen sowohl generierte als auch eingetragene Nummern von Menschen, die gerne an solchen Befragungen teilnehmen möchten, mit ein. Zudem wird häufig eine Wiederbefragten-Datenbank aufgebaut. Nach jedem Interview wird der Interviewte gefragt, ob er in Zukunft wieder an einer derartigen Befragung teilnehmen möchte. Ist dem so, kommen seine Daten in die Wiederbefragten-Datenbank, und in einem gewissen Abstand wird diese Person dann auch wieder angerufen. Wie hoch der Anteil an Wiederbefragten im Rahmen eines Musiktiteltests ist, ist eine Frage der Absprache. Jedenfalls gibt es eine große Anzahl an Personen, die sehr gerne bei Musiktiteltests mitmachen und sich freuen, aktiv an der Musikauswahl im Radio teilzunehmen.

Wozu wird Musiktitelforschung betrieben?

Musiktitelforschung dient zum Beispiel als Entscheidungsgrundlage in Redaktionssitzungen, wenn es darum geht, welche Titel häufiger oder seltener gespielt werden. Es lassen sich auch Aussagen über die Bekanntheit eines Titels treffen und darüber, ob er als passend zu einem bestimmten Sender wahrgenommen wird oder nicht. Über Zeitverläufe kann zudem gesehen werden, ob ein Titel langsam »verbrennt«, also Hörer anfangen, von dem Titel genervt zu sein. Der Sender kann dann die Frequenz, in der der Titel gespielt wird, modifizieren.
Eine andere Strategie kann sein, neue Zielgruppen ansprechen zu wollen. Über die Musiktitelforschung wird dann herausgefunden, mit welchen Musiktiteln eben jene gewünschte Zielgruppe erreicht werden könnte. Möchte sich ein Sender beispielsweise verjüngen oder sein Repertoire erweitern, kann die Musiktitelforschung dabei helfen, Titel herauszufiltern, die sowohl die neue Zielgruppe als auch die alte Zielgruppe ansprechen, um diese nicht durch Änderungen zu verlieren.

Chance zur aktiven Gestaltung

Die Teilnahmebereitschaft bei Musiktiteltests ist vergleichsweise hoch, die Zustimmung zur Aufnahme in eine Wiederbefragten-Datenbank ebenfalls. Die Musiktiteltests haben im Vergleich zu vielen anderen Befragungen den Vorteil, dass das Thema unmittelbar und positiv besetzt ist. Es geht nicht um langweilige oder heikle Themen, sondern um Musik und Radio hören. Fast jeder tut es, die meisten Menschen mögen Musik und viele haben bei diesen Befragungen das Gefühl, so das Programm aktiv mitzugestalten. Und genau das ist ja schließlich das Schöne an der Forschung!

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Die Stärken unserer Klassiker (2): Online-Befragungen
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By | 2015-07-16T12:07:36+00:00 16. Dezember 2013|Categories: Allgemein, Medienforschung, Musik, Radio|Tags: |

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