Das lineare Fernsehen erlebt derzeit einen starken Auftrieb. Es wird wiederentdeckt als Informations- und Livemedium, das uns zuverlässig über das aktuelle Geschehen informiert. Warum ist das so? Reicht das Internet mit seinen Millionen Quellen denn nicht aus, um uns im Sekundentakt informiert zu halten? Warum braucht man denn plötzlich wieder das gute alte Fernsehen?

Als Medienpsychologin habe ich einige Thesen zur Renaissance des Fernsehens, die ich gerne diskutieren würde.

These 1:
Das Prinzip „Gatekeeper“ wird bei relevanten Informationen gebraucht.

Corona ist ein besonderes Thema, aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist es neu. Niemand hat Erfahrungen mit diesem Virus; alles, was wir derzeit erleben, ist neu. Zum anderen betrifft es jeden: Die Maßnahmen rund um die Bekämpfung von Corona treffen jede Familie, jeden Bürger, jeden Haushalt. Jede Person ist betroffen und muss sich neu orientieren. In einer solchen Situation hilft es uns wenig, wenn wir von allen Seiten „überinformiert“ werden. Eine Einordnung der Fakten ist unerlässlich.

Die Fernseh- und Radiosender bieten diese Einordnung. Sie kommunizieren „das Wichtigste“ zum Thema, sortiert für ihr jeweiliges Publikum, vorselektiert und in aller Regel geprüft. Damit nehmen sie uns eine Arbeit ab, die wir nicht leisten können und wollen: Die Gewichtung der Nachrichten, die Priorisierung und die Selektion nach relevant- und irrelevant, nach richtig oder falsch.

Natürlich machen die Medien dabei Fehler. Aber es ist uns lieber, eine hoffentlich geringe Fehlerquote in Kauf zu nehmen, als ungefilterte Informationen „aus erster Hand“ zu bekommen, von denen wir nicht wissen, was sie wert sind.

Die Funktion der Medien als Gatekeeper ist für uns bedeutsam, sie hat einen unschätzbaren Wert. Das wird in diesen Tagen deutlich.

These 2:
Im Chaos hilft Ordnung im Tagesverlauf. Das lineare Fernsehprogramm gibt eine Struktur vor.

Was mit dem Aufkommen der „On-Demand“-Informationen immer wieder hervorgehoben wurde, ist die Freiheit von der vorgegebenen zeitlichen Struktur der Medien. Man muss sein Abendessen nicht mehr nach der Tagesschau planen, sondern kann dann Informationen abrufen, wenn man sie haben möchte.

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Dieser Vorteil ist in der derzeitigen Situation plötzlich ein Nachteil: Die äußere Struktur des Tages ist bei vielen Haushalten weggebrochen. Kinder verlassen das Haus nicht pünktlich in Richtung Schule, viele haben „Zwangsurlaub“, Kurzarbeit oder sind im Homeoffice. Der Tagesablauf ist aus dem Rhythmus geraten, man ist orientierungslos.

Die pünktliche Versorgung der Haushalte mit Nachrichten im Radio und Fernsehen ist da eine willkommene Struktur. Sie hilft dabei, dem Tag dennoch einen festen Rahmen zu geben. Entsprechend planen möglicherweise wieder viele Haushalte ihr Abendessen so, dass sie pünktlich zur Tagesschau (oder einer anderen Nachrichtensendung) vor dem Fernseher sitzen. – Oft sogar gemeinsam, mit der ganzen Familie. So erhält man täglich seine verlässliche „Dosis“ wichtiger Informationen und gleichzeitig ein Gefühl von Ordnung und Struktur.

These 3:
Die Qualität der Quellen bekommt mehr Relevanz.

Das Internet und die sozialen Medien sind voll von Erfahrungs- und Erlebnisberichten In Sachen Corona sind persönliche Erlebnisse und Befindlichkeiten nicht von vorrangigem Interesse. Zwar ist es immer spannend, Erlebnisse von anderen aus erster Hand geschildert zu bekommen, aber es ist in der derzeitigen Situation eher „nice to have“. Persönliche Erlebnisse hat man selbst, jeder ist gerade in irgendeiner Form persönlich betroffen.

Aber was man nicht selbst hat und dringend braucht: Experteneinschätzungen, valide Daten, fundierte Informationen. Da es um den eigenen Lebensalltag geht, sind die Informationen existenziell bedeutsam. Daher wird sehr darauf geachtet, aus welcher Quelle sie stammen. In keinem Fall möchte man auf Fake-News hereinfallen. Fernsehen steht immer noch für Qualität in Sachen Information, das gilt auch für die privaten Sender.

These 4:
Chronologisch geordnet und Live – Das sind die Vorteile gegenüber dem Netz.

Die Informationen im linearen Fernsehen orientierten sich an Aktualität und präsentieren das Neueste zuerst. Zudem senden sie Live. Das sind zwei fundamentale Vorteile gegenüber den meisten Internet-Informationen. Zwar gibt es eine Reihe von News-Blogs von Medienanbietern, die ebenso aufgebaut sind. Aber der Informationsstrom in den sozialen Netzwerken, der in der Regel zuerst aufgesucht wird, ist nach Algorithmen sortiert.

Bei Facebook, Twitter & Co taucht schon seit langem nicht mehr das Neueste am Anfang des Streams auf, sondern das, was die meiste Aufmerksamkeit erzielt. Dadurch geraten oft ältere Nachrichten ganz an den Anfang, während Aktuelles möglicherweise gar nicht auftaucht.

Möchte man tagesaktuelle Informationen, dann ist der sogenannte „Edgerank“ bei Facebook fatal, vor allem wenn man in enger Taktung Neuigkeiten erwartet und diese zeitnah übermittelt wissen möchte. Beim linearen TV- und Radioprogramm ist garantiert: Die Nachrichten bringen das Aktuelle zuerst und sie wurden live und damit gerade im Augenblick der Verbreitung produziert. Das ist ein unschätzbarer Vorteil.

These 5:
Das „Lagerfeuer“ Fernsehen schafft Nähe und Sicherheit.

Aus dem Bekannten- und Freundeskreis höre ich, dass viele Familien derzeit gemeinsam aktuelle Sendungen im linearen Fernsehen schauen. Das ist bemerkenswert. Das Fernsehen als „familiäres Lagerfeuer“ ist eigentlich seit langem aus der Mode, da jeder auf seinem Endgerät seiner individuellen Inhalte sieht und es in der Regel wenig familieninterne Überschneidungen in den Interessen gibt.

In Zeiten von Corona ist das anders: Jetzt eint das Interesse an der aktuellen Informationslage alle Generationen. Man schaut gemeinsam fern und diskutiert das Gesehene. Dies machen viele Haushalte nicht nur deshalb, weil das Interesse am Thema bei allen gleich groß ist. Es ist auch ein Gefühl von Nähe und Sicherheit, das dadurch geschaffen wird. Die Familie „hält zusammen“ und holt sich die Informationen gemeinsam. Ein wichtiges Ritual für viele in diesen sonderbaren Zeiten.

Man sieht: Das lineare Fernseh- (und Radio-)angebot bedient aktuell eine Menge medienpsychologischer Bedürfnisse und Erwartungen. Es ist daher sehr natürlich, dass die Nutzung des Fernsehens zunimmt. Viele dieser Bedürfnisse werden mit der Überwindung von Corona wieder verschwinden und dann keine Rolle mehr spielen. Aber vielleicht wird das ein oder andere, was sich in dieser besonderen Situation bewährt hat, auch beibehalten und stärkt nachhaltig die Akzeptanz der linearen Programme. Zumindest kann man hoffen, dass sich die Notwendigkeit von Qualitätsmedien damit manifestiert und bei der künftigen Medienpolitik entsprechend beachtet wird.