Die „Lena-Show“: Zuschauer machen ihr Fernsehen zum Erlebnis

Die ARD-Show zum Eurovision Song Contest war ein Paradebeispiel dafür, wie Fernsehen heute funktioniert – wenn es funktioniert.

Denn Fernsehen hat ein Problem: Es ist schon lange nicht mehr abendfüllend. Es reicht nicht mehr hin in der informationsüberfluteten multimedialen Welt, um als Lagerfeuer der Neuzeit den Familienmittelpunkt zu bilden. Fernsehen ist inzwischen in erster Linie Bügelfernsehen geworden.

Es wird zwar nach wie vor Abend für Abend rituell eingeschaltet. Aber konzentriertes Zuschauen wird zur Seltenheit. Man zappt, schnackt, liest, surft oder twittert nebenher – ähnlich wie beim Radio. Vor diesem Hintergrund ist es den Werbekunden nicht zu verdenken, wenn für viele von Ihnen die Faszination des Mediums Fernsehen nachlässt und sie die hohen TKP nicht mehr zahlen möchten.

Um zu fesseln und zu faszinieren, muss Fernsehen mehr bieten, als elend langgezogene Dokusoaps, schon mehrfach gesehene Spielfilme und sich unendlich wiederholende Serien. Auch Castingshows sind nicht in jedem Fall gutes Fernsehen.

Aber was ist gutes Fernsehen? Gutes Fernsehen ist ein Erlebnis! Und ein Erlebnis zu sein, das fiel dem Fernsehen früher nicht schwer. Da reichte die Atmosphäre einer großen Show. Oder ein Tatort. Oder die „wunderbare Welt der Tiere“. Der Zuschauer konnte passiv bleiben und war fasziniert…

Heute ist es leider anders. Den Zuschauer zu faszinieren ist deutlich schwerer, er hat schon viel zu viel gesehen. Die TV-Produktionen dagegen werden deutlich flacher. Auf ein Erlebnis kann man als Zuschauer da lange warten.
Was also tun, wenn man dennoch ein Fernseherlebnis möchte? Ganz einfach: Selbst drum kümmern. Im Gegensatz zur früheren Couch-Potato wird der eventorientierte Fernsehzuschauer von heute einfach selbst aktiv. Zielsicher und mit Gespür für Drama sucht er sich die Fernsehereignisse aus, die es wert sind – und macht daraus etwas Großes, Buntes, Witziges oder sogar Lächerliches.

Beim ESC hat das prima funktioniert: Es gab an allen Stellen Public Viewing und wer zu Hause blieb, stand kontinuierlich über Facebook und Twitter mit seinen Freunden in Kontakt. Diese Parallelveranstaltungen wurden von den verschiedenen Bevölkerungsgruppen genutzt, um die Sendungsinhalte für sich zu deuten und zuzuspitzen. So konnten intellektuelle Twitterer Distanz wahren und die Sendung parodieren und mit Esprit kommentieren. Hoch emotionale Lena-Fans konnten sich auf Parties weinend in die Arme fallen. Musikexperten und solche, die sich dafür hielten, konnten die musikalische Leistungen einordnen und bewerten.

Eine furchtbar altbackene Show, die in vielerlei Hinsicht über Jahre an Bedeutung verloren hat, wurde damit wieder das, was sie in ihren Anfängen einmal war: Ganz großes Fernsehen und ein echtes Erlebnis!
Da bleibt nur zu sagen: Fernsehen, lern was draus!

Von | 2010-06-01T08:47:35+00:00 1. Juni 2010|Kategorien: Fernsehen, Medienforschung, Social Web|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. thilo 1. Juni 2010 um 12:02 Uhr

    Ich habe das vor allem als Netzphänomen erlebt. Plötzlich hat meine gesamte Twitter-Timeline über nichts anders als #esc geredet. Das war dann auch der Grund, warum ich eingeschaltet und dabei geblieben bin. Weil es schön war, mit allen zusammen Fernseh zu gucken, Quatsch zu machen, mitzufiebern und zu staunen.

    Wer weiß, vielleicht fang ich ja demnächst auch wieder an, #tatort zu gucken…

Hinterlassen Sie einen Kommentar