Die Digitalisierungsschere – wie wollen wir damit umgehen?

In meinem Studium der Medienpsychologie wurde sehr viel über die Bildungsschere gesprochen. Damit ist gemeint: Nützliche und intelligente Medienangebote werden vor allem von denen konsumiert, die sowieso schon über eine gute Bildung verfügen und sie eigentlich »nicht nötig« haben. Damit werden die Schlauen immer schlauer, während die wenig Gebildeten nicht aufholen.

In den 1980er-Jahren vermutete man eine Verstärkung dieser Schere durch die Gründung der privaten Fernsehsender. Jetzt hatten die verschiedenen Zielgruppen »bessere Chancen«, bei Desinteresse Angebote zu umgehen. Also – so die These – würden wenig Gebildete auf nicht bildende, sondern unterhaltsame Programme ausweichen.

Obwohl man diesen Sachverhalt sicher richtig erkannt hat, gibt es dafür eigentlich keine Lösung. Im Gegenteil: Die hinzugekommenen Angebote im Netz ermöglichen eine völlige Individualisierung des Medienkonsums. Ich kann jeden einigermaßen intelligenten Beitrag in Fernsehen, Radio oder Weg komplett umgehen, wenn ich das möchte.

Die Vermittlung von Informationen und Bildung an formal niedrig gebildete Schichten ist und bleibt extrem schwierig und stellt für eine Gesellschaft eine enorme Herausforderung dar. Die Anstrengungen für eine stärkere Schließung der Bildungsschere dürfen dennoch nicht aufhören. Es ist ein relevantes Dauerthema.

Nach Bildungsschere kommt Digitalisierungsschere

Und jetzt kommt zur Bildungsschere aus meiner Sicht die Digitalisierungsschere. Diese Scheren liegen in keiner Weise übereinander. Die Digitalisierungsschere verläuft quer durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen. Sie verläuft entlang Stadt-Land-Unterschieden. Sie verläuft auch in Teilen entlang Altersgrenzen. Vor allem aber verläuft sie entlang von analogen versus digitalen Lebensstilen.

Die daraus resultierenden Folgen sind aus meiner Sicht ähnlich gravierend wie die Folgen der Bildungsschere: Menschen, die digital unterwegs sind, prägen die Gesellschaft mit neuen Haltungen, Erwartungen, Werten und Verhaltensmustern. Sie »trennen« sich von analogen Gesellschaftsgruppen und stehen ihnen konträr gegenüber. Wirtschaft, Politik und Medien konzentrieren sich stark auf die Digitalisierung und ihre Folgen. Neue Produkte werden entwickelt für digital lebende und fühlende Menschen. Die »analogen Gruppen« in der Gesellschaft geraten in den Schatten.

Ich glaube, auch hierzu benötigen wir dringend – wie zur Bildungsschere – Forschung und Maßnahmen. Es muss versucht werden, alle Teile der Bevölkerung auf den Weg in eine digitale Zukunft mitzunehmen. Niemand darf vergessen werden. Sonst besteht die Gefahr, dass sich Gesellschaftsteile gegen das System stellen – so wie es gerade vielerorts bereits geschieht.

Was meint Ihr? Sehe ich das Problem zu drastisch? Was kann man tun? Freue mich auf Eure Sicht der Dinge.

Von | 2017-01-17T16:57:45+00:00 17. Januar 2017|Kategorien: Allgemein|

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

4 Kommentare

  1. Ingo Busch 18. Januar 2017 um 11:00 Uhr

    Die existierende Bildungsschere ist unschwer erkennbar. Ich kenne leider auch genügend – auch gebildete – Menschen, die sich lieber vom Fernsehen berieseln lassen, als sich mit “schwierigen” Themen zu befassen. Bei gebildeteren Menschen fällt mir es mir auch umso stärker auf, dass diese eher auf Streaming a la Netflix und Co. zurück greifen. Ebenso ist Radio, z.B. im Auto, hören ziemlich out, seitdem man die selbst zusammen gestellte Playlist dudeln lassen kann und dabei nicht durch Nachrichten oder andere Informationen gestört wird.

    Ich halte mich selber für einen sehr digitalen Menschen, werde jedoch in meinem Bekanntenkreis manchmal als etwas “old-school” gesehen, da ich ein großer Fan von Radio und öffentlich-rechtlichem Fernsehen bin. Streaming nutze ich kaum und einen Privat-Sender habe ich im TV vielleicht vor drei Monaten das letzte Mal eingeschaltet.

    Ich will gar nicht den Stab über die Playlist- und Streaming-Liebhaber brechen. Jeder soll schließlich nach seiner Fasson glücklich werden. Dennoch kann m.E. ein ständiges Umgehen von Tagesschau und Co. auch dazu führen, dass wir alle eventuell ein wenig mehr verblöden ;-)

    Auf der anderen Seite kann ich bestätigen, dass die “analogen” Menschen meines Bekanntenkreises nicht zwingend weltoffener und gebildeter sind. Ihnen fehlt beispielsweise jegliches Verständnis, warum ich als Blogger “in dieses Internet” schreibe. Und das auch noch kostenlos – oder “umsonst”. ;-)

    Ebenso fehlt es manchmal an Verständnis, warum Twitter für mich ein so wichtiges Medium geworden ist. Und das auch bei Spotify-Nutzern und hyperaktiven Whatsappern.

    Von daher sehe ich keine wirkliche Digitalisierungsschere. Das Bild einer Schere passt nicht mehr so ganz. Wir werden einfach immer heterogener in Bezug auf Medien- und Informationskonsum. Richtige Totalverweigerer der Digitalisierung erlebe ich nämlich kaum noch. Auch der analogste Mensch besitzt, von Ausnahmen abgesehen, heute ein Smartphone und entdeckt früher oder später die Vorteile des digitalen Universalhelfers. Allerdings fällt es diesen “late adopters” zunehmend schwer den digitalen Trends zu folgen…

    Ich stimme daher dem letzten Absatz zu: Wir müssen sehen, dass niemand bei der fortschreitenden Digitalisierung auf der Strecke bleibt. Umgekehrt müssten sich überwiegend analoge Menschen, z.B. Politiker, auch ein wenig auf die “Digitalisten” zubewegen. Damit ein Begriff wie “Neuland” nicht mehr Verwendung findet. Ein richtiger Ansatz, um das digitale Leben für alle zu erleichtern, wäre der überfällige Breitband-Ausbau, damit gerade der ländliche Raum nicht von Gegenwart und Zukunft abgeschnitten wird. Aber leider fördert die Politik lieber alte Industrien, wie den Automobilsektor, anstatt zu sehen, was wir wirklich für die Zukunft in Deutschland benötigen…

  2. Ingo Busch 18. Januar 2017 um 11:01 Uhr

    Kleiner Hinweis:

    “Ihr Kommentar muss noch freigeschalten werden.” ist nicht ganz richtig. Es müsste “freigeschaltet” heißen ;-)

  3. Sabine Haas
    Sabine Haas 18. Januar 2017 um 19:59 Uhr

    Ich finde das einen sehr guten Gedanken, dass wir nicht mehr von “Teilung” sprechen sollten, da wir mehr und mehr individualisieren. Das stimmt und mein Bild einer Schere ist in dieser Hinsicht wirklich schief. Auch das Thema Filter Bubble und die “Umgehung” von allem, was mich im Kern nicht interessiert, ist sehr relevant. Insgesamt ist es vielleicht wirklich das Wichtigste, Wege zu finden, alle Bürgerinnen und Bürger in gleicher Weise “gebildet” zu halten, egal in welchen Welten sie sich tummeln..

  4. Alexa Brandt
    Alexa Brandt 19. Januar 2017 um 9:32 Uhr

    Liebe Ingo Busch,
    lieben Dank für den Hinweis! Die Seite wurde erst vor Kurzem relaunched. Bei manchen Theme-Übersetzungen hakt es da manchmal noch. Jetzt passt es wieder. :-)

    Beste Grüße,
    Alexa Brandt

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