Seit dem »Zerstörer«-Video des YouTubers Rezo ist immer wieder und an allen möglichen Orten vom »Rezo-Effekt« die Rede. Gibt man den Begriff bei Google ein, gelangt man inzwischen sogar zu einem umfangreichen Wikipedia-Artikel, der sich mit dem Video »Die Zerstörung der CDU« und dessen Folgen befasst. Man kann das Rezo-Video also als »historisch« bezeichnen. Aber warum? Was ist der »Rezo-Effekt«, der diese Durchschlagskraft verursacht? Ist es mehr als ein Einzelfall, der hier in die Geschichte eingeht? Als Medienpsychologin hat mich das »Phänomen Rezo« natürlich sehr interessiert, und ich habe mal für mich analysiert, welche Wirkungen das Video hatte und was daraus folgt. Das Ergebnis möchte ich im Folgenden mit Euch teilen: 

1. Der Effekt des Spiegelns

Rezo hat nicht nur bei seiner Zielgruppe für Furore gesorgt, sondern – und ich glaube vor allem – bei den Älteren. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass das Video allen politisch Interessierten auf geradezu heilsame Weise einen Spiegel vorhält. Mit unverstelltem Blick und einer guten Portion Naivität (im positiven Sinne) schaut Rezo auf den politischen Alltag. Er sieht Politiker, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, ihre Themen nicht kennen und ihre Versprechen nicht halten – und regt sich darüber auf, indem er betont, so etwas sei nicht hinnehmbar. Damit hält er allen den Spiegel vor, die diesen politischen Alltag schon lange – wenn auch unter beständigem Meckern – akzeptiert und als »normal« angenommen haben. Er tut das nicht und fällt damit auf.

Es ist schockierend, wenn unsere Kinder auf unsere Welt schauen und den rosaroten Vorhang wegziehen. Aber es ist auch heilsam und rüttelt auf. Das ist ein »Rezo-Effekt«.

2. Der Aufschrei der Jungen

Rezo ist mit seinen 26 Jahren schon lange kein Jugendlicher mehr, sondern maximal noch ein junger Erwachsener. Dennoch wird seine Stimme als die »Stimme der Jugend« verstanden. Wie kommt das? Rezo ist aus meiner psychologischen Perspektive schlicht der Strohhalm, nach dem die etablierte (überalterte) Gesellschaft greift. Denn: Wir als Gesellschaft brauchen sie sehr, die jungen Wilden, die Aufrüttler, Revoluzzer, Kaputtmacher und Provokateure aus der jeweiligen Jugendgeneration. Die Aufregung, für die Jugendbewegungen in der Geschichte immer wieder gesorgt haben, waren zugleich immer auch Reinigungsprozesse für die Gesellschaft. Schon länger aber hatten wir eine solche Jugendbewegung nicht mehr: keine rebellischen Studenten, keine streikenden Auszubildenden, »nur« ein paar freitags streikende Schüler. Das reicht aber nicht angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit. Also stehen wir da mit einer mehr oder minder passiven Jugend und den etablierten »Alten«, die wenig Lust haben, die Revolution, die nötig wäre, selbst loszutreten.
Und dann kommt Rezo mit seinem Video. »Juchu«, denken alle, »jetzt haben wir sie endlich, die widerständige Jugend!« Dass ein Nicht-Jugendlicher und ein oder zwei YouTube-Videos noch weit weg sind von einer Jugendbewegung wird dabei geflissentlich ignoriert. Man lobt, dass »die Jugend« ja doch nicht so unpolitisch wie befürchtet sei.
Aber – wie gesagt – Rezo ist kein Jugendlicher und DIE Jugend gibt es heutzutage in dieser Form schon gar nicht. Egal, man darf ja hoffen.

Kritische Jugendbewegungen waren immer wieder in Deutschland ein wichtiger Motor für Veränderungen. Derzeit fehlt dieser Motor spürbar. Rezo macht Hoffnung darauf, dass junge Generationen wieder verstärkt politisch aktiv werden. Das ist ein »Rezo-Effekt«.

3. Scheibenwischer für die politische Perspektive

Es ist immer komplexer geworden, was in der Politik passiert. Wir erleben eine umfassende Globalisierung, die uns – verbunden mit der fortschreitenden Digitalisierung – einen beinahe unbegrenzten Zugang zu Informationen liefert. Alle politisch Interessierten wissen um die Konflikte rund um den Globus, sind informiert über das Thema Brexit, kennen das Risiko von Plastikmüll, Klimawandel und Rückgang der fossilen Brennstoffe, wissen um die sehr unterschiedliche Situation der EU-Staaten und die wirtschaftlichen Gefahren aus China. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Das alles überfordert uns als »mündige BürgerInnen und WählerInnen« schon lange.
Rezo dagegen hat etwas Wunderbares gemacht: Er hat aufgeräumt. Er lenkt den Blick auf das Wesentliche, in dem er klare Prioritäten setzt. Zum Ersten müssen wir die nahen Probleme lösen, bevor wir die fernen angehen: also soziale Gleichheit, Bildung und Frieden von deutschem Boden. Zum anderen müssen wir – damit wir künftig überhaupt noch Probleme haben können – DAS existenzielle Grundproblem lösen: den Klimawandel. 
Diese Reduzierung auf eine Handvoll Themen ist so wohltuend, wie ein verspätet einsetzender Scheibenwischer bei einer Fahrt im Regen. Plötzlich haben alle wieder das Gefühl, klar zu sehen. Das erzeugt Begeisterung – zumindest im ersten Moment.

Man steht vor Problemen, die a) in der Menge überschaubar und b) direkt bei uns vor der Haustür lösbar sind. Das gibt Hoffnung und ist ein weiterer »Rezo-Effekt«.

4. Ein »Dissonanz-Raum« für die schweigende Mehrheit

Die Digitalisierung führt dazu, dass Politiker, Journalisten und politisch Aktive eine Menge Raum erhalten, sich zu äußern. Neben den klassischen Kanälen und Plattformen bietet das Netz die Möglichkeit, jederzeit und in jeder Situation öffentlich zu kommunizieren. Das Ergebnis ist ein lärmender Resonanzraum voller politischer Statements, Diskussionen und Haltungen. Geführt werden alle Debatten von immer denselben: den Linken, den Rechten, den Liberalen, den Tierschützern, den Frauenrechtlern usw. Es diskutieren schon die, die eine Meinung haben und die des Gegners widerlegen möchten.
Oft ist uns allen nicht klar, wie wenige Menschen es sind, die diesen Lärm verursachen. Schaut man sich eine Internetplattform, eine Gruppe oder eine Community an, dann liegt der Anteil der »Schweiger« in der Regel bei mindestens 80 Prozent. Das bedeutet, dass die große Mehrheit diesem Austausch von Meinungen passiv zuschaut und nichts dazu beiträgt.
Rezo ist einer von dieser schweigenden Masse. Er ist kein Politiker, kein Journalist, kein Aktivist. Er hat nicht mal besonders viel Ahnung von oder Interesse an Politik. Beim Interview in der Sendung NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann antwortet er auf die Frage, warum er das Video gemacht habe: »Es gab keinen Grund. Ich hatte einfach Bock darauf, mich mit ein paar Themen auseinanderzusetzen, die ich grob verfolgt habe.«
Sein Video entspringt nicht dem Wunsch, aus der schweigenden Masse auszutreten und in den politischen Diskurs einzusteigen. Es ist der Wunsch, als Zuschauer, Leser und Hörer der politischen Diskussionen Feedback zu geben und seine Missbilligung zum Ausdruck zu bringen. Er wollte nicht in Talkshows eingeladen werden. Er wollte einfach mal sagen, was er von dem hält, was er ständig mehr oder weniger freiwillig von den lautstarken Rednern online wie offline so mitbekommt. Er will seine Meinung auch nicht mit der Politik diskutieren, sondern mit seinen (vielleicht sogar überwiegend unpolitischen) Abonnenten. Sprich, er möchte einen Resonanzraum für die schweigende Masse schaffen und einen Rückkanal der »Unpolitischen«. Er möchte Dissonanz verursachen, die quer zu den gegensätzlichen Meinungen der bisherigen Meinungsführern steht. 

Das Video von Rezo sagt: »Ihr, die Ihr hier die ganze Zeit redet und lärmt, habt eine Menge Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit keiner der gehörten Positionen einverstanden sind. Wir haben zwar nicht so viel Ahnung wie Ihr, aber wir sind begründet skeptisch, wenn wir sehen, was Ihr so tut.« Damit trifft Rezo einen Nerv, weil er den »Schweigern« eine Stimme gibt. Und ein Aufruf oder Like des Videos reicht, um diese Stimme zu verstärken. Darin liegt der »Rezo-Effekt« Nummer 4.

5. Die Zielgruppen »ins Herz getroffen«, die andere für nicht erreichbar hielten

Jugendliche und junge Erwachsene galten schon immer als politisch schwer erreichbar. Nachrichten und politische Informationen interessieren diese Altersgruppe schlicht nicht, daran lässt sich wenig ändern. Das stimmt und ist zugleich auch falsch. Wahr ist, dass Politik auf der Agenda junger Menschen in der Regel sehr weit unten steht. Aber auch jungen Menschen ist die Relevanz von Politik durchaus bekannt und sie möchten zumindest ein Mindestmaß an politscher Information bekommen. 
Die Versuche sowohl der etablierten Medien als auch der etablierten Politik, die junge Zielgruppe zu erreichen, sind oftmals sehr bemüht. So werden Inhalte beispielsweise nicht interessanter, nur weil sie auf YouTube zur Verfügung stehen. Auch lässt sich ein junger Journalist nicht dadurch zum »Star-YouTuber« machen, dass man ihm ein Basecap aufsetzt.
Und so fühlen sich alle immer und immer wieder bestätigt: »Seht Ihr! Man kann junge Menschen politisch einfach kaum erreichen.« Rezo beweist jedoch das Gegenteil. Er erzählt eine Stunde lang und viele, viele junge Menschen hören ihm zu. Dabei geht es die ganze Zeit um Politik, und zwar ausschließlich. Was also macht er anders? Das: 

  • Er ist etabliert. Das hilft ihm sicher weiter. Er spricht zu seinem Publikum, welches ihn schon lange kennt und ihm vertraut.  
  • Er verwendet eine einfache Sprache, spricht sein Publikum direkt an und zwar so, dass ihn jeder – egal mit welchem Vorwissen – verstehen kann. Dabei vereinfacht er, ohne den Sachverhalt zu reduzieren oder zu verbiegen. Das gelingt ihm hervorragend und sollte Schule machen in der Politik. 
  • Er empört sich, ist enttäuscht, regt sich auf. Damit zeigt er Emotionen und macht deutlich, wie existenziell Politik im Grunde ist. Emotionen gibt es in der Politik zwar häufiger, aber dort richten sich diese oft gegen andere politische Haltungen oder Parteien. Emotionen in der Sache sieht man dagegen sehr selten. Das aber ist es, was Rezo uns zeigt: Politik betrifft uns und sollte uns daher auch emotional treffen.   
  • Er ist klar. Rezo hat eine eindeutige Haltung, ist dabei aber nicht undifferenziert. Diese Klarheit, mit der er Position bezieht, ist erfrischend.

Rezo findet die Sprache, die jeder versteht und die Haltung, die Politik nahebringt. Natürlich hat er auch andere Möglichkeit als die »Profis«, die sich um Ausgewogenheit bemühen müssen. Aber so, wie Rezo über Politik spricht, möchte es das Publikum. Sein richtiger Ton holt die Politikfernen und Politikverdrossenen ab (unabhängig vom Alter). Das ist ein starker »Rezo-Effekt«. 

Keine Frage des Alters  

Betrachtet man diese fünf Effekte, dann fällt auf, dass nur wenige davon auf die jungen Zielgruppen bezogen sind. Wie zu Beginn gesagt, glaube ich, dass der Eindruck, den das Video hinterlassen hat, bei den Älteren teilweise größer ist als bei der jungen Generation. Jedenfalls entnehme ich das vielen Gesprächen, die ich geführt habe.  

Ich finde das hochspannend, weil es bedeutet, dass die »Rezo-Effekte« überhaupt keine Frage des Alters sind. Alles in allem bringt das Video auf den Punkt, was einer großen Mehrheit fehlt: Politische Klarheit, Haltung, Reduzierung und Priorisierung der Themen, Veränderung. 

Die Frage ist allerdings, was jetzt folgt. Denn die Wirkung des Videos ist einzigartig und nur schwer wiederholbar. Es setzt auch keinen Automatismus der Veränderung in Gang. Mit anderen Worten: Nur wenn sich eine große Mehrheit der politisch Interessierten und der politisch Aktiven die »Rezo-Effekte« zu Herzen nimmt, werden nachhaltige Veränderungen daraus erwachsen. Ansonsten ist es zwar »historisch« zu nennen, bleibt aber dennoch »nur« ein viraler Hit.