„Der Tod kriegt von den Kindern Szenenapplaus“

Seit beinahe zwei Jahren begleiten wir als KulturPaten das Kölner Künster Theater, eine Institution in direkter Nachbarschaft. Doch auch über die Veedels-Grenzen hinaus kennt man das Ensemble, seine Stücke und sein Engagement – doch natürlich noch lange nicht gut genug. Es wird also Zeit, das Projekt auch hier einmal vorzustellen, weshalb wir die Leiterin des Theaters, Ruth zum Kley, kurzerhand zu Kaffee und Interview getroffen haben. Darin gibt sie Einblicke in die Kulissen, erzählt von kleinen und großen Plänen für die Zukunft und von Workshops mit benachteiligten Jugendlichen. Und sie verrät, was die Zuschauer im „Weihnachtsmärchen“ erwartet, das in den kommenden Wochen so oft auf dem Spielplan steht, wie kein anderes Stück – und das für unsere Mitarbeiter auch in diesem Jahr wieder fest zum vorweihnachtlichen Terminplan gehört. Vielleicht ja auch bald für Sie?

Frau zum Kley, Ihr Theater heißt Kölner Künstler Theater. Was hat es mit diesem Namen auf sich? Ein Theater von Künstlern? Oder für Künstler? Oder beides?

Ruth zum Kley (Foto Mitte): Auf jeden Fall beides. Zum einen ist es ein Theater von Künstlern, es wurde von Schauspielern, die mit ihrer damaligen Situation unzufrieden waren, als Künstler-Theater gegründet. Zum anderen aber gibt es auch den Ansatz, nicht nur Theater zu machen, sondern auch ein Forum für Kölner Künstler zu sein. Das aber können wir so richtig erst umsetzen, wenn wir neue Räume haben. Der Name irritiert viele Menschen, vor allem in der Verbindung mit dem Titel Kinder- und Jugendtheater. Aber wir wollten eben mehr als das sein.

Gibt es denn im Bezug auf neue Räume schon etwas konkretes?

Ruth zum Kley: Wir bleiben wohl in Ehrenfeld, ziehen aber wahrscheinlich in einen Neubau. Die Lage, die im Moment diskutiert wird, wäre gut, aber es gibt noch einen gewissen Förder- und Sponsoringbedarf. Die Städtische Konzeptionsförderung ist eine Säule, da hoffen wir bald auf den Bescheid für 2011 bis 2014, und darüber hinaus gibt es auch einen Förderverein und eine Stiftung. Dennoch fehlen uns für das kommende Jahr noch etwa 10.000 bis 20.000 Euro.

Wie lange gibt es das KKT denn eigentlich schon und was hat sich seitdem verändert?

Ruth zum Kley: Inzwischen sind es 16 Jahre. Auf der einen Seite ist es durch die Förderung stabiler geworden, aber im gleichen Ausmaß ist es auch enger geworden, viel enger, denn Fördermittel werden meistens eher gekürzt, als aufgestockt. Auch das Publikum, die Schulen, alle haben weniger Geld und weniger Zeit. Dazu kommt, dass es immer mehr Leute gibt, die Kinder- und Jugendtheater machen, weil dafür wenigstens überhaupt noch Geld da ist. Die Konkurrenz wächst also.

Es gibt ja auch noch Projekte neben der eigentlichen Theatertätigkeit. Welche zum Beispiel?

Ruth zum Kley: Zum Beispiel machen wir Workshops, in denen wir fast nur noch mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten, mit Hauptschülern sowie mit Langzeitarbeitslosen, mit Jugendlichen mit Drogenhintergrund. Da arbeiten wir mit Methoden des Theaters, aber auch der Persönlichkeitsentwicklung, mit Yoga, also Atem- und Entspannungstechniken. Dabei geht es uns darum, den Selbstwert der Jugendlichen zu stärken, denn nur, wer sich selbst wertschätzt, kann auch andere wertschätzen.

Und wie werden diese Workshops angenommen?

Ruth zum Kley: Fast schon erschreckend gut. Wenn man so etwas in die Schulen integrieren würde, wäre das toll. In den USA ist man da viel weiter. Die Jugendlichen saugen das förmlich auf, und dieses Feedback ist natürlich auch für uns aufbauend, das zeigt auch, wie sehr die das wollen. Am Anfang machen wir zum Beispiel immer ein Video zur Selbstreflexion. Da geht es darum, den ersten eigenen Auftritt wertschätzend zu betrachten, drei Dinge zu nennen, die ihnen gefallen. Und darum, einen Wunsch zu nennen, was man verbessern will. Diese positive Sichtweise fällt vielen sehr schwer, das ist leider eine seltene Erfahrung.

Wird Ihr Theater denn überhaupt in seiner ganzen Vielfalt wahrgenommen?

Ruth zum Kley: Beim Kulturamt ja, und in den Schulen kennt man uns auch ganz gut. Aber in der Öffentlichkeit glaube ich nicht, da wissen viele gar nicht, was wir alles machen.

Wie lässt sich denn das Theaterprogramm beschreiben?

Ruth zum Kley: Für Kinder von 2 bis 10 Jahren machen wir eine Kombination aus Schauspiel und Figurentheater, was eher selten ist. Außerdem ist eine Besonderheit bei uns, dass Schauspieler und Figuren gleichberechtigt auftreten. Da gibt es zum Beispiel ein Stück, in dem ein Ordnungsbeamter sich mit der Puppe Freddy Frettchen anfreundet und erst später feststellt, dass das ein Kuscheltier ist. Für Jugendliche machen wir leider Thementheater.

Warum leider?

Ruth zum Kley: Weil es einen auch einschränkt. Für das Jugendprogramm muss man immer gucken, welche Themen gerade in der Luft liegen, man darf da nichts verpassen. Zuletzt beispielsweise hatten wir das Thema Mobbing, kombiniert mit Elementen aus Momo, das Stück hieß „Momo Reloaded“. Das ist schon eine tolle Herausforderung. Mein Mann Georg, der die Stücke schreibt, kämpft aber auch damit, nicht zu jedem Thema findet man sofort einen Zugang. Außerdem wollen wir nicht nur Realismus, sondern auch Theatralik auf die Bühne bringen. Ein Stück aber spielen wir auch schon seit 16 Jahren: Untermenschen, da geht es um das Thema Rechtsradikalismus, das wird immer wieder, in Wellen, nachgefragt, und wir haben es immer wieder ein bisschen der Zeit angepasst, denn Rechtsradikale sind heute ja nicht mehr nur Glatzköpfe in Bomberjacken. Und jetzt gerade, ganz aktuell, müsste man eigentlich ein Stück zum Thema Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen machen.

Sie gehen mit dem Theater auch auf Tour, oder?

Ruth zum Kley: Ja, wir haben einen richtigen Tourbetrieb. Bald spielen wir beispielsweise 8 Tage auswärts, zwischen Niederau und München, 12 bis 14 Veranstaltungen. Tatsächlich treten wir bundesweit auf. Primär werden wir von den Ämtern eingeladen, aber die haben oft auch kein Geld mehr, das ist schon wesentlich härter geworden. Das ist ein Dilemma. Die Kulturstruktur auf dem Land ist kaputt, also muss man sich die Kultur holen. Dafür aber ist kein Geld mehr da.

Gibt es außer dem Finanziellen etwas, dass Sie sich für Ihr Theater wünschen?

Ruth zum Kley: Eigentlich sind wir ziemlich zufrieden, wir würden nur gerne in größeren Räumen arbeiten. Wir sind eine Plattform, wir sind Vernetzer, aber derzeit können wir das nur eingeschränkt leisten. Und wir würden gerne Erwachsenentheater machen, und andere Leute einladen. Derzeit arbeiten wir beispielsweise an einer Kooperation mit einem Theater für Gehörlose, und genauso würden wir uns auch gerne mehr für andere öffnen.

Nun spielen Sie in den kommenden Wochen häufiger als alles andere das Weihnachtsmärchen. Was erwartet die Zuschauer in diesem Stück?

Ruth zum Kley: Dieses Stück ist ein Klassiker nach dem Buch von Charles Dickens. Wir spielen es, glaube ich, im sechsten oder siebten Jahr, und das in einer sehr schönen, liebevollen Inszenierung. Es gibt nicht wenige Leute, auch ohne Kinder, die seit Jahren kommen. Es gibt einen Schauspieler, der den bösen Mr. Scrooge spielt, der Rest sind Figuren. Inszeniert haben wir das Ganze im Stil der Zeit von Dickens, Scrooge trägt beispielsweise Zylinder und lange Koteletten. Außerdem ist das Stück ganz bewusst erst für Kinder ab 5, denn teilweise ist es schon ein bisschen gruselig. Aber es ist auch lustig. Der Tod zum Beispiel ist lustig, denn die dürfen ja nicht mit Angst nach Hause gehen. Der Tod kriegt von den Kindern Szenenapplaus.

Das heißt aber, wenn auch Erwachsene so gerne kommen, dass es kein reines Kinderstück ist?

Ruth zum Kley: Nein, auf keinen Fall. Oft ist es beim Kinder- und Jugendtheater ja so, dass die Eltern eben mitgehen, weil sie dabei sein müssen. Wir wollen aber, dass Kinder und Eltern gemeinsam Spaß haben, denn so wird es für die Kinder auch zu einem viel intensiveren Erlebnis. Deshalb bauen wir bei all unseren Stücken immer auch Facetten für Erwachsene ein. Und so kommen selbst Eltern, deren Kinder inzwischen 15 oder 16 sind, nach wie vor ins Weihnachtsmärchen, das gilt aber zum Glück auch für andere Stücke. Wir machen Theater für jede Altersgruppe.

Fotos: © Kölner Künstler Theater

Von | 2010-11-15T16:46:28+00:00 15. November 2010|Kategorien: Allgemein, Veranstaltung|Tags: , , |

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