Der Einfluss von Metriken auf unser Verhalten in sozialen Netzwerken

Vor einiger Zeit stieß ich via socialmediawatchblog auf den Hinweis, dass Ben Grosser einen Twitter-Demetricator entwickelt hat, also ein Add-on, mit dem alle Metriken auf Twitter (Follower, Likes, Retweets etc.) ausgeblendet werden können. Die Idee dahinter: Die Zahlen hindern uns womöglich daran, eine unvoreingenommene Meinung zu den Tweets und den Menschen, die diese veröffentlichen, zu bilden. Das fand ich sehr interessant und wollte es ausprobieren.

Inzwischen habe ich das Tool fast ein Jahr auf meinem Twitter-Account aktiviert und möchte über die Ergebnisse berichten. Ich muss gestehen, dass ich mich als Testperson mäßig eigne, weil ich mich für reine Zahlen wenig interessiere. Ohnehin poste ich meist nur dann etwas über einen aktuell diskutierten Sachverhalt, wenn ich das Gefühl habe, mich nach entsprechender Beschäftigung mit dem Thema und den verschiedenen möglichen Sichtweisen damit hinreichend auseinandergesetzt zu haben. Dem schnellen Aufreger-Impuls leiste ich ungerne Folge, weil ich mir denke, dass es mehrere Perspektiven geben muss oder ich mir der Quellen sicher sein möchte. Jemandem zu folgen, nur weil es bereits viele tun, liegt mir ebenfalls fern. Manches Mal, wenn ich es doch getan habe, war ich enttäuscht, hier nicht unbedingt die erwarteten Inhalte zu lesen, wie ich sie mir aufgrund der Follower-Popularität eines Users erhofft hatte. Ohnehin liegt es mir mehr, mich mit Menschen zu verbinden, die in meiner Organisation sind, aus meinen Kundenkreisen stammen, zu meinen beruflichen Themenfeldern twittern oder die ich etwa aufgrund persönlicher Meinung und privater Interessen in ihren Statements und Tweets schätze. Ich sehe das Netzwerk ähnlich wie Sabine Haas als eine vielseitige Stütze für berufliche Belange und darüber hinaus als eine eine Möglichkeit, auf Neues zu stoßen.

Aber natürlich beeinflussen die Zahlen auch mich. Ein Moment unbewusster Wahrnehmung ist immer da. Das Beispiel, das Entwickler Ben Grosser selbst in diesem Zusammenhang auf seiner Seite anführt: der Twitter-Account von Donald Trump. Mal davon abgesehen, dass Trump der Präsident der Vereinigten Staaten ist: Ohne die vielen Zahlen, die unter seinen Tweets prangen, wie ernst würde man seine Aussagen nehmen? Findet in den Replies eine tatsächliche, echte, konstruktive Auseinandersetzung mit Themen statt, die unsere Zeit bestimmen? Meist weniger. Dennoch schaut man fasziniert auf das Rauschen der Zahlen im Metrikcounter unterhalb seiner Tweets. Und ich möchte behaupten, dass viele – sowohl die Kritiker als auch Anhänger des Präsidenten – sich in welcher Form auch immer davon mitziehen lassen. Damit wird das Netz zum Abbild dessen, was wir so ähnlich aus dem »wahren« Leben kennen.

Parallelen zwischen digitalem und echtem Leben

Nehmen wir also mal das echte Leben. Die dort vorherrschenden Parameter und Metriken für Aufmerksamkeit lauten hier – ganz wie in einer uns wohl allen bekannten Werbung einst verbreitet: mein Haus, mein Auto, meine Klamotten, mein Job. Ich denke, niemand kann sich davon freisprechen, dem Einfluss von Äußerlichkeiten zumindest hin und wieder zu erliegen. Die Spiegelung hierzu für die Onlinewelt sind Influencer. Die ihnen zugehörigen Zahlen erscheinen wichtig, um ihren Einfluss messbar zu machen und daraus ableiten zu können, welches Potenzial sie als Testimonial für Unternehmen tragen. Dass diese Zahlen nicht immer der Realität entsprechen, ist ein Nebenschauplatz, den ich an dieser Stelle vernachlässigen möchte.

Keine Metriken, keine gefühlten Wahrheiten

Was also passiert, wenn wir uns statt auf Kennzahlen wieder ganz auf das eigene Gespür verlassen müssen? Richtig: Wir beginnen damit, Dinge zu hinterfragen, andere Meinungen einzuholen, verlässliche Quellen heranzuziehen und weiterführende Informationen zu checken. Der schnelle Klickkick verzögert sich oder bleibt aus. Und das ist gut. Denn dass die Masse nicht zwingend recht hat, dafür gibt es viele traurige Beispiele in der Geschichte. Dass Menschen, Parteien, Organisationen et al. das Netz zur Manipulation der Massen nutzen, auch das dürfte inzwischen jedem zumindest bekannt, wenn auch nicht immer so bewusst sein. Ein kritischer, weil hinterfragender Umgang mit Twitter ist aus meiner Sicht die bessere Grundlage, sich dann tatsächlich in einen Diskurs zu drängenden Themen zu begeben. Der Demetricator kann hier als eine Art Impulskorrektiv zum Einsatz kommen. Tatsächlich twittere ich seit seinem Einsatz auf meinem Account mit noch mehr Bedacht.

Nicht unbedingt das Tool der Wahl für Social Media Manager

Neben meinem eigenen Twitter-Account manage ich aber auch den Account unserer Firma sowie die Nutzerkonten von Kunden. Hier empfinde ich das Add-on tatsächlich als unpraktikabel. Denn gerade für die Accounts der Kunden benötige ich in jedem Fall die Möglichkeit der direkten Rückmeldung und Transparenz auf die gesetzten Tweets, um mögliche Stimmungen einzufangen und entsprechend reagieren zu können. Wenn ich nicht sehe, wie viele Follower auf das Geschriebene reagiert haben, ist dies nicht möglich. Auch die Kommunikation und der Austausch mit möglichen Influencern der jeweiligen Institution oder Marke wird dadurch gehemmt.

Wer es nun selbst ausprobieren will, sollte dies tun. Die Installation des Add-ons ist denkbar einfach. Ben freut sich über Euer Feedback. Das gleiches Add-on hat er übrigens auch für Facebook und Instagram entwickelt. Wer seine Erfahrungen mit dem Tool hier teilen mag: Freue mich auf Kommentare.

Über den Autor:

Alexa Brandt
Seit 1998 für die result gmbh tätig, übernahm sie im August 2012 als zertifizierte Social Media Managerin die Leitung der Unternehmenskommunikation und kümmert sich neben der klassischen PR auch um die sozialen Kanäle und das Corporate Blog der Digitalagentur. Zudem verantwortet sie redaktionelle Projekte namhafter Kunden. Seit Juni 2013 ist die erfahrene Digitalredakteurin stellvertretende Leitung der Digitalredaktion und wurde im Juni 2018 zum Head of Content Creation ernannt.

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