Das Smartphone nimmt dem Auto die Attraktivität

In vielen Studien befassen wir uns mit dem digitalen Wandel. Dieser verändert nicht nur das Medienverhalten, sondern betrifft auch andere Branchen, wie zum Beispiel die Automobilindustrie. Aus unseren Ergebnissen kann man folgende These ableiten: Das Smartphone nimmt dem Auto die Attraktivität. Und aus meiner Sicht muss sich die Automobilbranche beeilen, dem etwas entgegenzusetzen, um nicht eine ganze Generation zu verlieren. 

Hier die Gründe, die mich zu meiner – ich gebe zu – sehr zugespitzen These verleiten:

1. Schutzraum wandelt sich zur Offline-Zelle

Vor dem Smartphone war das Auto ein Raum des Rückzugs. Statt umgeben von Fremden in der U-Bahn zu sitzen, war man im Auto „sein eigener Herr“. Man konnte seine Musik anmachen, sich mit potenziellen Beifahrern unterhalten, war geschützt und von Fremden getrennt.

Heute gilt: In der Bahn hat jeder dank Smartphone seine eigene Musik und seine Videos dabei, ist dabei in ständigem Kontakt mit seinen Netzwerken, hat vollen Zugriff auf Freunde, Informationen und Unterhaltung. Im Auto dagegen kann ich das Smartphone kaum nutzen. Es lässt sich mehr schlecht als recht mit dem Pkw verbinden, die Bedienung funktioniert kaum, und wenn man es in die Hand nimmt, droht der Strafzettel. Der Autofahrer ist auf unangenehme Weise abgeschottet. Der Rückzugsraum hat sich somit zur Offline-Zelle gewandelt. Das aber entspricht nicht dem Lebensgefühl der jungen Generation.

connected_driving_big(Bild (cropped): flickr – MotorBlog.com (CC BY 2.0))

2. Usability wird zur Kernerwartung

Die Technologie von Autos übte schon immer große Faszination aus. Man sah in ihr das Symbol einer modernen Industriegesellschaft. Nichts konnte mehr Eindruck machen als ein neues Auto mit neuestem Motor, vielen Knöpfen und Schaltern, vielen neuen Features etc. Je komplexer und umfassender das Angebot an Möglichkeiten, desto moderner wirkte das Auto.

Apple hat den vielen Knöpfen den Garaus gemacht. Mit dem iPhone wurde der Verzicht auf Knöpfe und Schalter zum Inbegriff von Modernität und Komfort. Ein einziger Knopf ist alles, was man für ein iPhone braucht. Das war revolutionär – und stellt die komplizierte Hochglanz-Übertechnologie des Autos von einem Tag auf den anderen in den Schatten. Weniger ist mehr, lautet das Motto der Moderne. Ein Auto erscheint da vielen alles in allem einfach zu kompliziert.

3. Autofahren wird zur Sünde

Als sich der Pkw-Verkehr etablierte, wurde es schnell zu einer positiven Vision, jeden Menschen mit einem eigenen Fortbewegungsmittel auszustatten. Der Individualverkehr wurde als großes wirtschaftliches wie auch gesellschaftliches Ziel angesehen. Die Ausstattung mit einem Auto pro Erwachsenem pro Haushalt stand für Wohlstand, Freiheit und war extrem erstrebenswert.

In einer vernetzten Welt, in der jeder virtuell mit jedem sprechen kann, ist Individualverkehr kein Muss mehr. Man kann Ressourcen teilen, öffentliche Verkehrsmittel wählen, virtuelle Reisen unternehmen etc. Autofahren macht ein schlechtes Gewissen, wir alle haben verstanden, dass wir weltweit nicht sinnvoll anstreben können, einzeln im eigenen Fahrzeug zu sitzen. Die Welt würde eine solche Anzahl an Autos nicht verkraften. Daher kann jeder, der es schafft, ohne Auto auszukommen, stolz auf sich sein. Wer statt des Autos sein Smartphone nutzt, um eine gemeinschaftliche Fortbewegungsmöglichkeit zu finden (Carsharing, Mitfahrgelegenheit usw.), bewegt etwas für eine bessere Zukunft, so die Meinung heute.

Das alles führt dazu, dass das Auto an Attraktivität verliert. Es ist für junge Leute weder Status noch Selbstverständlichkeit. Es macht schlicht und ergreifend keinen Spaß mehr – erst Recht nicht im Stau und auf übervollen Straßen ohne Parkmöglichkeit. Die innovative Industrie der Autobauer sollte daher weniger über Weiterentwicklung als über einen Richtungswechsel nachdenken. Wie dieser aussehen kann, ist allerdings nicht so einfach zu beschreiben…

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By | 2015-07-16T10:14:51+00:00 23. Juni 2014|Categories: Allgemein, Beratung, Digitaler Wandel, Mobile|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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