Das große Facebook-Sterben: Was passiert da wirklich?

In den vergangenen Wochen wanderte wieder eine Reihe von Studien durchs Netz, die allesamt den Untergang von Facebook prognostizieren. Die fantasievollste von allen scheint mir die Princenton-Studie zu sein. Denn darin wird anhand von Google-Suchanfragen ein abnehmendes Interesse an Facebook vorausgesagt (Wer sucht denn Facebook eigentlich auf Google?). 

Einschlägiger Tenor der meisten Studien: Facebook sei nicht mehr spannend, es kämen keine Jungen mehr dazu, das Interesse lasse nach, und damit sei der Untergang der Plattform nur noch eine Frage der Zeit.

Ich finde, bei diesen Thesen lohnt ein genauerer Blick: Was genau passiert da? Was lässt sich erklären? Hier nun meine Antworten auf die derzeit gängigsten Thesen in Bezug auf Facebook, in denen ich mich aber ausschließlich auf Deutschland beziehe.

Zu These 1: Die Wachstumsraten bei den Jungen lassen nach

Aus einer Reihe von Studien wissen wir, dass das Interesse an Internetangeboten bei Kindern und Jugendlichen oftmals sehr eingeschränkt ist. Sie möchten nicht breit informiert werden, sondern interessieren sich in allererster Linie für Spiele, Musik, Videos. Spiele gibt es auch bei Facebook, das stimmt. Aber die spannenderen Spiele findet man außerhalb des Netzwerks – in Form von Onlineangeboten oder auch Apps. Auch Musik findet man anderswo besser. Es gibt also keinen Grund für die ganz Jungen, zu Facebook zu gehen. Das war auch vor einigen Jahren schon so, aber damals lockte noch etwas anderes: die Kommunikationsmöglichkeit.

Im Rahmen einer Studie von SUPER RTL zum Social-Media-Interesse wurde seinerzeit bereits deutlich, dass Kinder und junge Jugendliche in erster Linie mit einem kleinen Freundeskreis online diskutieren und kommunizieren möchten. Sie zeigen kein Interesse und keinen Bedarf, sich mit Gleichgesinnten oder Altersgenossen zu unterhalten, die sie nicht persönlich kennen. Facebook war vor einigen Jahren noch das einzige Netzwerk, das einen kostenlosen Onlinedialog mit Freunden auf der ganzen Welt ermöglichte (neben dem in dieser Altersgruppe eher unbekannten Twitter). Also ging man dorthin. Inzwischen gibt es eine Reihe von Angeboten, die für eine geschlossene Kommunikation zwischen acht bis zwölf Klassenkameradinnen und Kameraden deutlich besser geeignet sind, wie beispielsweise WhatsApp usw. Da stelle ich mir die Frage: Warum ist plötzlich alle Welt überrascht, dass die Kids wechseln?

Seit etwa drei Jahren ist außerdem das Thema Facebook und Datenschutz in aller Pädagogen-Munde (s. auch netzofant). Kinder und Jugendliche erfahren seitdem deutlich mehr über die Gefahren, werden von Eltern und Lehrern stärker informiert und möglicherweise auch dazu angehalten, die Altersgrenzen einzuhalten (14-Jährige bei Facebook waren bis vor zwei/drei Jahren tatsächlich noch zehn- bis 14-Jährige). Alles das – vielleicht noch zusammen mit Mobbing-Erfahrungen der älteren Geschwister – führt dazu, dass man seine ersten Erfahrungen mit Onlinekommunikation nicht mehr unbedingt auf Facebook sammelt.

Vor dem Hintergrund dieser drei Aspekte ist es vollkommen erwartungsgemäß, dass sich die Nutzerstruktur am unteren Ende der Skala bereinigt. Aber: Damit ist der Erfolg von Facebook doch noch nicht in Frage gestellt, oder?!

101155596_ef9c1c8eee_z

(Bildquelle: flickr. – 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) – HamburgerJung)
Zu These 2: Facebook ist uncool, die Alten sind da

Erst einmal ist das doch eine ganz wunderbare Nachricht für Facebook: Die Alten kommen! Die Plattform etabliert sich also in der Mitte der Gesellschaft (zumindest in Deutschland) – und ist damit ungebrochen erfolgreich. Gerade die Menschen 40+ bieten noch enorme Potenziale für Facebook (während die jungen Zielgruppen nahezu vollständig erschlossen sind).

Mit dieser Etablierung von Facebook geht einher, dass auch die Inhalte deutlich „mainstreamiger“ werden. Denn Facebook ist ja nichts weiter als eine Infrastruktur. Die Inhalte gestalten die Nutzer. Und wechseln die Nutzer, dann ändert sich auch die Farbe des Angebotes.

Für die Jungen heißt das nicht nur, dass ihre Eltern da sind und Nachrichtenmeldungen aus der Süddeutschen (das ginge ja noch) posten. Es heißt vor allem: Ihre Lehrer sind da und gründen für sie eine geschlossene Mathe-Lerngruppe (insofern sie das noch dürfen!). Das ist Mainstream! Wen wundert es angesichts einer solchen Entwicklung, dass sich die Jungen da erst einmal geschockt zurückziehen. Aber sie werden wiederkommen – spätestens kurz vor der nächsten Mathearbeit oder aber der Einladung für ein cooles Event.

Zu These 3: Die tägliche Nutzung geht zurück

Derzeit findet ein Umbruch in der Internetnutzung hin zu mobilen Endgeräten statt. Über diese mobile devices wird mehr und mehr genutzt, was sich für unterwegs gut eignet. Kommunikation mit Bekannten geht über WhatsApp deutlich einfacher und bequemer als über die Facebook-Handy-App. Auch das Spielen funktioniert direkt über eine App besser statt über den Umweg Facebook. Damit sind zwei Nutzungsmöglichkeiten der Plattform im mobilen Bereich weniger attraktiv geworden, und das zeigt sich natürlich bei der Intensität der Nutzung. Dennoch ist man in der Regel auch bei Facebook noch sehr oft unterwegs.

Zu These 4: Facebook ist nicht mehr sexy, der Zenit ist überschritten

Ich mache es kurz: E-Mail ist nicht sexy, Telefon ist nicht sexy, aber genutzt wird beides dennoch. Es ist richtig, dass Facebook den Reiz des Neuen verloren hat, aber auch das gehört zu jedem Etablierungsprozess dazu. Die vielen Funktionalitäten von Facebook, die Möglichkeiten der Vernetzung, der Informationsaufnahme, der Informationsweitergabe sind inzwischen fest bei den Nutzern verankert. Und sie werden diese doch nicht bloß deswegen aufgeben, weil sie selbstverständlich geworden sind.

Es mag sein: Facebook als Infrastruktur für bestimmte Dienste und für Social Media in seiner „Reinform“ mag irgendwann stärker Gefahr laufen, von Wettbewerbern bedroht zu werden. Aber das, was man auf Facebook bislang macht, geht damit nicht verloren. Es gehört zur Internetznutzung fest dazu und wird auch künftig dort erwartet. Vielleicht heißt die Plattform, auf der sich die kommenden Generationen vernetzen, dann nicht mehr Facebook. Aber vielleicht ist das Unternehmen auch noch lange Jahre in der Lage, sich als Marktführer im Bereich sozialer Netze zu positionieren. Denn eines ist auch klar: Der Mensch ist bequem, und ein Umzug auf ein neues Netzwerk ist zumindest für langjährige Nutzer von Facebook mit ganz schön viel Aufwand verbunden.

Fazit

Von außen Prognosen über die Halbwertszeit eines Unternehmens zu machen, finde ich verwegen und wenig erhellend. Spannender dagegen fände ich, die Variationen und Entwicklungen im Verhalten der Nutzer stärker auszuleuchten. Das birgt für mich den deutlich höheren Erkenntnisgewinn.

Von | 2015-07-16T10:49:39+00:00 11. Februar 2014|Kategorien: Allgemein, Beratung, Social Media, Social Media Research, Social Web, Studie, Web, Social Web & Mobile|Tags: |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. Moritz Gause 12. Februar 2014 um 17:11 Uhr

    Die Betrachtung der unterschiedlichen Altersgruppen und Vergleiche mit Telefon und E-Mail sind sehr gut und passend.

    Wenn ich rückblickend betrachte, wie ich während meines Studiums zu Facebook gekommen bin, dann war das vor allem durch internationale Bekanntschaften, die man nur bei FB (und nicht bei StudiVZ) pflegen konnte.

    Das geht heute sicherlich auch mit anderen Netzwerken, aber FB ist einfach das beste und international am meisten verbreitete.

    Man müsste also man schauen, wie verschiedene Nutzergruppen über die Jahre zu Facebook kommen oder wann sie dort wieder verschwinden… ich kann mir gut vorstellen, dass 14 jährige heute über Facebook schimpfen und in 10 Jahren selbst dabei sein werden!

    Viele Grüße
    JMG

Hinterlassen Sie einen Kommentar