Das Glück ist grün – die Liebe der Deutschen zur Gartenarbeit

Ich beschäftige mich an dieser Stelle immer wieder mit Schnittstellenkommunikation, sei es hinsichtlich der Verknüpfung von virtueller und “realer” Welt oder in Sachen transmediales Storytelling – also über Medien und Devices hinausgehend erzählte Geschichten.

Zuletzte stellte ich mit Freude fest, dass die technische Entwicklung die Digitalisierung des Lebens nicht nur auf Gebäude begrenzt, sondern es ermöglicht, dass die Menschen auch wieder an die frische Luft gehen. Wobei ich mir nun die Frage stelle: Ermöglicht die Digitalisierung, dass die Menschen das “Draußen” wieder entdecken, oder wird hier eine offenbar lange gehegte Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Natur gestillt, die von der Flucht vor dieser Digitalisierung verstärkt wird?

“Das Glück ist grün”, so titelte jüngst die ZEIT etwas pathetisch, die ich – ja, ich muss es zugeben – recht häufig lese. Der Garten (beziehungsweise der Balkon) werde immer mehr zum Lieblingsort der Deutschen – gar zum erweiterten Wohnzimmer. Gartenarbeit galt lange Zeit als spießig, ist aber jetzt so “en vogue” wie lange nicht mehr.

Die Kollegen von rheingold haben diesen Trend offenbar bereits im Jahr 2005 erahnt, als die “Landlust”-Vorläufer bei ihnen “auf der Couch” lagen. Mittlerweile erreicht die Zeitschrift eine Auflage, welche die Millionengrenze überschritten hat.

Wie kommt es zu diesem Erfolg? Und wieder die Frage nach der Henne und dem Ei: Ist das mediale, digitale Informationsüberangebot der Grund, warum die Menschen in die Natur fliehen? Wird dieser „information overload“ durch die Digitalisierung beschleunigt, oder sind die Nutzer dort nun häufiger, weil sie die digitale Welt mitnehmen können? Ersteres scheint mir nach einer Blitzumfrage unter meinen Kollegen wahrscheinlicher:

Ich habe sie gefragt, wobei sie am besten entspannen können. Und siehe da: Auf Platz 1 steht “hinausgehen/Natur”, gefolgt von “Sport treiben” und “Musik machen/hören”. Bereits an vierter Stelle kommt die “Garten- beziehungsweise Balkonarbeit”. Aus den Antworten “las” ich, dass diese Tätigkeiten auch mit “Abschalten” in Verbindung gebracht werden – also weder Handy noch ein anderes technisches Gerät mit von der Partie ist, wenn die Kollegen rausgehen.

Ein kleines Beispiel:

“Ich nehme mir dann immer meinen Hund und gehe ohne Handy oder Sonstiges nach draußen, sondern nur mit dem Hund und den Leckerchen, ins Grüne (Wald oder Feld).”

Die Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ, aber dennoch aufschlussreich. Im Garten/in der Natur hat die digitale Welt offenbar Pause.

Aber was ist mit der unfassbaren Vielzahl an Gartenblogs? Scheinbar gibt es genügend Menschen, die ihre Gartenarbeit im Web abbilden wollen. Wie kommt das?

Die Studie “The Virtual Art of Gardening – Einblicke in das Europäische Gartenweb“, die Linkfluence im vergangenen Jahr im Auftrag von Bosch durchführte fand heraus, dass:

” … [d]ie meisten Hobbygärtner (…) im Internet ausführlich vom Leben und Arbeiten im Garten [berichten] und (…) ihre Erlebnisse mit zahlreichen Fotos [untermalen]. Die Beschreibung der eigenen Tätigkeiten dient dabei oft als Wiederholung und damit als Verlängerung des ursprünglichen Gartenerlebnisses. An einem Austausch mit anderen Gartenliebhabern sind die Gartenblogger – in der Mehrzahl weiblich und älter als 40 Jahre – häufig nicht interessiert.”

Gartenarbeit 2.0 ist also doppelte Entspannung! Im Internet wird das Hobby noch einmal durchlebt, nicht um zu interagieren, sondern um zu rekapitulieren. Obwohl ich kein „Digital Resident“ und absolut kein Verfechter des digitalen Abbildens des eigenen Lebens bin, finde ich diese therapeutische Funktion des Webs wunderbar und inspirierend!

Notiz an mich: Ich muss unbedingt mal meinen Balkon auf Zack bringen …

Zum Schluss noch ein paar Linktipps für alle, die gern im Garten arbeiten oder ihren Balkon verschönern wollen:

Schön anzuschauen:
http://pinterest.com/search/boards/?q=garten

Lesetipps:
meine-landlust.blogspot.de
www.das-wilde-gartenblog.de
gartengefluester.wordpress.com
klasse-im-garten.blogspot.de
gaertnerblog.de/blog/
www.pflanzenlust-blog.de
neuer-gartentraum.blogspot.de
schweizergarten.blogspot.de (aus der Schweiz)
lebensglueck-garten.de/tag/gartenblogs/

oder noch mehr:
nutzgarten.blogspot.de

 

Von | 2015-07-16T13:57:28+00:00 18. Juli 2012|Kategorien: Allgemein, Digitaler Wandel, Neue Medien, Web, Social Web & Mobile|Tags: , , , , |

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8 Kommentare

  1. maggie hühü 18. Juli 2012 um 14:25 Uhr

    ja das Thema ist interessant aber da ich seit Jahren blogge kann ich nicht bestätigen das man sich dann keinen austausch wünscht und diese Gruppe(http://www.facebook.com/groups/169804243151577/176126282519373/?comment_id=176140875851247&notif_t=group_activity) Projekt Balkonien beweist eindeutig das Austausch gewünscht ist!
    und alle weiblich über 40 sind wir auch nicht alle ;-) ich bin Mitte 30.

    ich glaube ja das auch das Internet dazu beiträgt das mehr Leute Gartenarbeit oder Handarbeit machen. dabei finde ich ja das es daran liegt das einem viele einfach zu erreichende kostenlose Informationsquellen bereit stehen die tag und Nachtzeit nutzbar sind also ganz individuell! die Leute trauen sich das dann eher zu mit dieser Unterstützung ganz ohne zwang und sie können sich alles so gestalten wie es zu ihrem leben passt denn ein reicher Erfahrungsschatz liegt zum greifen nah und zwar umfassend und nicht wie in den meisten Büchern geschönt und unrealistisch.

    auch ein Grund könnte sein das die ältere Generation die vieles hätte weitergeben können an Information es aufgrund der schnelllebigen zeit nicht merh übermitteln können oder man sich dann verpflichtet fühlt dem jenigen und somit nicht mehr frei sein kann in seinem tun und probieren das alles fällt bei dem Internet weg.

    liebe grüße kerstin

  2. maggie hühü 18. Juli 2012 um 14:37 Uhr

    ach ja fast vergessen. wenn mal ein Problem auftritt bei dem man nicht weiter weiß kann man über das Internet in eine große runde herein fragen es dauert dann manchmal ein wenig aber man ist eigentlich nie allein irgendjemand hat die passende Antwort. wo man früher vielleicht alle hin geworfen hätte oder aber viel Geld und zeit hätte investieren müssen um dann doch falsch beraten worden zu sein und alles im Frust endete (das nur mal so aus eigener Erfahrung)

    liebe grüße kerstin

  3. Cäthe 18. Juli 2012 um 14:44 Uhr

    Liebe Kerstin,
    vielen Dank für deinen Beitrag! Die @punktefrau hat mich auch gerade auf das Projekt Balkonien aufmerksam gemacht. Das muss ich mir mal genauer ansehen. Die Bilder machen auf jeden Fall Lust auf “draußen”.
    Zu deinen Anmerkungen:
    Ich habe leider keine weiteren Informationen über die Repräsentativität von der im Auftrag (!) von Bosch durchgeführten Studie, aber Repräsentativität ist ja auch so eine Sache ;)
    Auch du scheinst es ja zu bestätigen: Der Trend, die Natur zu entdecken, wird vom Internet gefördert, und hat dabei nichts damit zu tun, dass man im Garten online ist, sondern dass man sich online Inspiration und Tipps holt, wie man die Zeit “draußen” besser für sich nutzen kann, wie man seinen Garten und Balkon schöner macht etc.
    Dennoch: Die Art und Weise, wie mir mein Opa in seinem Garten mit Begeisterung erklärt hat, wie er Rosen züchtet, wird nie und nimmer durch das Internet ersetzt werden können. Aber das muss es ja auch nicht. Viel Spaß auf Balkonien, im Garten oder sonstwo, wo es schön ist und viele Grüße an die Grünen Daumen :)

  4. maggie hühü 18. Juli 2012 um 16:43 Uhr

    Liebe Cäthe,

    natürlich kann einem das Internet einen erklärenden Opa nicht ersetzten sofern man in der heutigen Zeit noch einen hatte. Mein Opa und auch meine Oma haben mir schon sehr viel mit auf den Weg gegeben. aber mit dem Verständnis als Kind und dem Zeitgefühl ist das so eine Sache… bei mir zumindest. Und nun wo ich das Wissen brauche ist es eine schöne sehr verträumte Kindheitserinnerung die mir in der Praxis leider nicht viel nutzt, denn die Großeltern sind schon lange tot. Und meine Mutter die früher viel Gartenarbeit gemacht hatte als wir klein waren(und sie zu hause) hat keine Zeit es mir zu erklären oder gar zu zeigen denn seit Jahren liegt Ihr Garten brach. Seit sie wieder in Ihrem anstrengenden Beruf arbeitet hat sie keine Zeit mehr dafür. Ohne das bloggen und das Internet hätte ich mir nie zugetraut irgendwann Taschen oder Kleidung selber zu nähen oder selber einen Garten zu bearbeiten ja da stimme ich voll und ganz zu! Aber gerade der Austausch ist mir und vielen die ich kenne sehr wichtig bei der ganzen Sache denn im “realen Leben hat man nie so einfach so viele interessierte auf einem “Haufen” ;-)

    Liebe Grüße Kerstin

  5. Cäthe 18. Juli 2012 um 17:53 Uhr

    Liebe Kerstin,
    oh, ich wollte dir eigentlich auch nur beipflichten. Mein Opa lebt leider auch nicht mehr, insofern finde ich es auch klasse, dass es da “draußen” in der virtuellen Welt ganz viele neue fachliche Ansprechpartner gibt :)
    In einer Studie sagte neulich eine Teilnehmerin genau das: “Wenn meine Mutter noch leben würde, würde ich die fragen, aber jetzt nutze ich halt das Internet.”
    Viele Grüße zurück schickt dir,
    die Cäthe

  6. Eckhard Lietz 18. Juli 2012 um 22:11 Uhr

    Ich bin gespannt darauf, wie die hier begonnene Diskussion sich entwickeln wird. Manches ist für mich nicht nachvollziehbar. Es gibt Menschen, die Wert darauf legen, ihre Freizeit wirklich zur Erholung zu nutzen und Abstand halten von Computern jeder Art. Sehr gut! Bei all dem Theater, das heute um neue elektronische Geräte gemacht wird, dürfen wir also noch auf eine Zukunft mit selbstständigen Menschen hoffen, die in der Begeisterung für die Technik nicht den Sinn des Lebens sehen.
    Aber ich bin skeptisch, wenn die Gartenarbeiterinnen meinen, weil Oma und Opa nicht mehr mit guten Tipps helfen können, müsse die Hilfe aus dem Internet kommen.
    Warum Hilfe suchen? Es soll doch wohl darum gehen, in der Freizeit einer entspannenden Beschäftigung nachzugehen. Also bitte keinen Stress erzeugen, weil alles perfekt sein soll. Im Übrigen sind die Tipps im Internet keine Garantie für einen Erfolg. Ich finde es erschreckend, wie viele von Kenntnissen unbelastete Wichtigtuer
    ihre “Ratschläge” verbreiten. Wer die Gartenarbeit liebt, sollte sich so verhalten, wie Musiker und Sportler; die wissen: Nur ständiges Üben führt zum Erfolg.

  7. Corinna Köhler 23. Juli 2012 um 9:08 Uhr

    @ Eckhard Lietz: Dem muss ich absolut widersprechen. Ich war eine blutige Anfängerin, als ich vor 4 Jahren einen verwilderten Kleingarten übernahm. Ohne die Tipps aus dem Netz wäre ich heute noch lange nicht so weit, allein Bildersuche zur Pflanzenbestimmung hilft enorm weiter. Und warum soll man seine Erlebnisse im Garten nicht mitteilen? Es gibt nichts Schöneres, als die kleinen und großen gärtnerischen Erfolge mit anderen dann auch Digital zu teilen. Mein Internetfähiges Handy geht auch immer mit in den Garten, trotzdem fühle ich mich danach gut erholt. Stress erzeugt bei mir eher, wenn ich verunsichert bin, was ich falsch mache. Auf die Tipps manch anderer Hobbygärtner möchte ich nicht mehr verzichten, haben nicht auch richtige Gärtner mal diesen Beruf erlernen müssen? “Nur ständiges Üben führt zum Erfolg” kann man so absolut nicht stehen lassen.

  8. Cäthe 24. Juli 2012 um 8:32 Uhr

    Hallo in die Runde, mich freut der rege Austausch hier sehr und er zeigt genau dieses Spannungsverhältnis zwischen analoger und digitaler Welt – der jedoch keiner sein muss. Da muss ich Corinna Recht geben. Es gibt eben nicht nur schwarz oder weiß, digital oder analog, böse und gut, sondern schlicht und einfach verschiedene Formen der Informationsbeschaffung und des Austauschs.
    Und auch ich muss sagen: Üben in allen Ehren, aber wenn man mit Hilfe schneller zum Ziel gelangt, umso besser! Euch einen sonnigen Sommertag (ENDLICH SOMMER!), Cäthe

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