Seit Montag sind unsere Kinder (13 und 16 Jahre) zu Hause, und auch mein Mann und ich arbeiten im Homeoffice. Kinos, Sportstätten, usw. haben geschlossen. Wir sind zurückgeworfen auf uns und unsere (Schul-)Arbeit. Wir spüren in dieser außergewöhnlichen Situation Fluch und Segen der Digitalisierung besonders intensiv – wie viele andere derzeit wohl auch. Daher hier mal mein kurzer Erfahrungsbericht aus den ersten Tagen.

  • Informationsflut führt zu Verunsicherung
    Vier Leute »bewaffnet« mit einem Smartphone informieren sich mehrmals täglich zu Corona. Das Ergebnis: Ein wilder Mix verschiedenster Zahlen, Daten und Fakten, über die trefflich gestritten und diskutiert werden kann. Es ist spürbar: Zu viele Informationen helfen nicht dabei, eine Situation verständlicher und klarer zu machen. Die Digitalisierung öffnet uns die unendlichen Weiten grenzenloser und weltweiter News, Anekdoten, Einschätzungen, Bewertungen, Erregungen und Ermahnungen. Alles das ist unsortiert, manchmal widersprüchlich und beunruhigend. Es ist viel Arbeit, zu filtern und zu ordnen.
  • Informationen geben Sicherheit
    Natürlich gibt es auch die andere Seite: Die direkte Informationsbereitstellung via Internet von wichtigen offiziellen Quellen wie dem Bund, Land, Robert-Koch-Institut oder auch der WHO etc. sind ein unglaublicher Segen. Eine große Menge vertrauensvoller Quellen stehen damit zur Verfügung, die zeitnah, aktuell und verständlich informieren und uns auf dem Laufenden halten. Das ist großartig und hilft dabei, den (leider) vielen »Müll«, der im Internet kursiert, zu bewerten.
  • Quellendiskussionen stärken die Medienkompetenz der Kinder
    Während alle Familienmitglieder sonst individuell in ihrer jeweiligen Filterblase unterwegs sind und es im Digitalen nur wenig thematische Überschneidungen gibt, ist Corona ein Thema, das gerade von der gesamten Familie aufmerksam verfolgt wird. Mit großem Interesse schaue ich, welche Informationsquellen die Kinder nutzen, welche Quellen sie zitieren, ob sie auf Fake News »hereinfallen« usw. In ausführlichen Gesprächen können wir feststellen, wie medienkompetent unsere Kinder sind und auf fehlerhafte oder unseriöse Quellen hinweisen. Ein sehr konstruktiver Prozess!
  • »Always on« ist Fluch und Segen zugleich
    Unsere Agentur und das Unternehmen meines Mannes haben den großen Vorteil, schon vor Corona auf ortsunabhängiges Arbeiten eingerichtet gewesen zu sein. Das bedeutet, dass wir beide in dieser Situation vollständig arbeitsfähig sind. Gleichzeitig werden auch die Kinder dank Digitalisierung mit ihrem gesamten Lernstoff und vielen verschiedenen Aufgaben versorgt. Das ist super, aber auch sehr stressig: Die neue Situation bewältigen, den Alltag anders sortieren, mit dem jüngeren Kind die Aufgaben einordnen und sinnvoll planen, die Lernzeiten überwachen, für Bewegung und ausreichend Ausgleich sorgen und zusätzlich selbst voll arbeiten – das ist ein ziemliches Pensum. Verschärft wird die Situation dadurch, dass alles insgesamt etwas surreal wirkt und man eigentlich im Urlaubsmodus ist, wenn die tägliche Routine fehlt. Ich kann mir denken, dass viele Familien hier an Grenzen stoßen, vor allem wenn die Kinder kleiner sind.
  • Amazon, Netflix & Co. lassen keine Langeweile aufkommen
    Mit Amazon Prime, TVNOW, Netflix & Co. ist das Unterhaltungsprogramm gesichert. Hinzu kommen diverse Möglichkeiten für Online- oder Offline-Games und ein großer Hörspiel- und Podcast-Speicher dank ARD Audiothek, Audible und sonstigen Audio-Anbietern. Man (vor allem aber die Kids) könnte also Stunden mit digitalen Medien verbringen, ohne sich zu langweilen. Wir lieben diese Möglichkeiten vor allem jetzt, wo Kinos und Sportstätten geschlossen haben. Die ganz Welt der Unterhaltung steht uns auf unseren Endgeräten zur Verfügung. Was will man mehr? Es gilt nur, sich selbst zu beschränken und die Zeiten, die man am Bildschirm verbringt, im Griff zu haben.
  • Neue Herausforderung: Offline-Alternativen entdecken
    So schön die digitale Welt der Bilder und Töne ist, irgendwann muss man den Bildschirm auch mal aus der Hand legen. Um die Zeit der digitalen Unterhaltung einzugrenzen, sind wir bemüht, den Tag auch ausreichend mit analogen Angeboten zu füllen. Da Verabredungen mit Freunden kaum stattfinden können, müssen wir als Eltern auch bei unseren großen Kids wieder ran: Brettspiele sind angesagt, gemeinsame Fahrradausflüge am Rhein oder das Auffrischen alter Hobbies. So überlegt das ältere der beiden Kinder, das Nähen wieder zu aktivieren, dass vor Jahren eine Zeit lang ganz hoch im Kurs stand. Außerdem backen und kochen wir fleißig, was wir zwar immer mal machen, aber selten so intensiv. Eigentlich ist das alles auch schön, aber es bleibt natürlich ein Aufwand, der zwischen Arbeit und Schulaufgaben noch irgendwie in den Tag passen muss.
  • Digitale Dialoge nehmen ab statt zu
    Eine besonders interessante Beobachtung ist für mich, dass die digitalen Dialoge per WhatsApp oder Messenger eher ab- als zunehmen. Alle Freunde und Bekannten sind derzeit anscheinend damit beschäftigt, sich neu zu sortieren und konzentrieren sich auf die Familie. Außerdem gibt es auch deutlich weniger zu erzählen im Sinne von »Posing« wie »Reise gerade hierhin und dorthin«. Es wird dadurch deutlich ruhiger auf den sozialen Kanälen. Das ist für mich überraschend, aber ich erlebe das durchaus auch als entspannend.
  • Große Harmonie und viel Rücksichtnahme
    Auch wenn viel über Unvernunft und Ignoranz von Bürgerinnen und Bürgern geschimpft wird, so stelle ich sowohl in der Familie, bei Kundenunternehmen, bei uns in der Agentur und im Wohnumfeld eine sehr entspannte und positive Grundstimmung fest. Es wird viel Rücksicht genommen, alle verhalten sich behutsam und vernünftig, ich höre wenig böse Worte. Selbst im digitalen Raum kommt mir der Ton entspannter vor. Bilde ich mir das bloß ein, oder haben wir da was zum Thema Differenzierung, Rücksichtnahme und Ruhe bewahren verstanden?

Insgesamt ist unser Ausnahmezustand eine besondere Erfahrung, die wir gerade machen, und ich hoffe, dass sie nicht nur bei der Eindämmung des Virus hilft, sondern auch zu positiven Veränderungen führt. Mal sehen, wie es in den kommenden Wochen aussieht. Noch stehen wir am Anfang …