Bringt uns das „Mitmachweb“ die „Mitmachgesellschaft“?

Im Jahr 2006 haben wir uns bei der result erstmals in einer Studie mit dem Thema „Web 2.0“ befasst. Damals untersuchten wir, welche unterschiedlichen Nutzertypen sich in der exotischen Welt des „Mitmachwebs“ tummeln und was sie motiviert, sich dort einzubringen.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und wir stellen fest: Alle tummeln sich inzwischen mehr oder weniger in den sozialen Medien. Bedeutet das, wir sind jetzt alle „User 2.0“ und damit aktive Teilnehmer des weltweiten Web?

Bildquelle: CC-BY ..Lobi | flickr.com

So einfach ist das nicht. Vieles, was unter dem Begriff „Web 2.0“ eingeführt wurde, ist inzwischen Standard. Die User sind es gewöhnt, gekaufte Produkte zu bewerten und Medieninhalte mit Freunden im Netz zu teilen. Man hält es für selbstverständlich, Kontakte nicht mehr im Karteikasten, sondern über Xing und Facebook zu pflegen, und Urlaubseindrücke online zu stellen. Das alles ist normal geworden, ohne dass der „Otto-Normal-Nutzer“ damit auch nur einen Funken mehr Engagement und Begeisterung für die Institution „Internet“ zeigen würde. Die technische Hürde, seine Meinung öffentlich zu machen, sinkt im Social Web – die psychologische Hürde ist geblieben.

Das erklärt auch, warum laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2011 nach wie vor nur sieben Prozent der deutschsprachigen Onlinenutzer ab 14 Jahren überhaupt bloggen oder Blogs lesen, das sind 3,67 Millionen Internetnutzer. Die Zahl der Aktiven steigt nur marginal. Dominiert wird das Web, wie auch die Gesellschaft, immer und überall von einer schweigenden Mehrheit.

Dennoch sehe ich einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel: Die Möglichkeit einer „passiven“ Teilnahme jedes Einzelnen an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen sind mit dem Social Web vielfältiger geworden. Diese Chance wird von den Menschen genutzt. Auch wenn die Mehrheit sich nicht äußern oder gar aktiv engagieren möchte – ein „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ äußert man trotzdem gerne. So passiert es, dass die schweigende Mehrheit plötzlich eine Stimme und ein Gesicht erhält, weil ihr die Möglichkeit geboten wird, sich den Engagierten und Lauten sichtbar anzuschließen und diese passiv zu unterstützen.

Diese Entwicklung halte ich für eine enorme Chance: Die Macht des Bürgers wächst. Die Macht des Kunden wächst. Sowohl die Politik als auch die Wirtschaft werden sich mehr und mehr bewusst, dass die Trägheit der Masse kein Hindernis mehr ist, Unmut laut kundzutun – in virtuellen Netzwerken, auf Blogs oder in Foren. Der Klick auf einen Button reicht aus, um Teil eines Sturms der Entrüstung zu werden.

By | 2011-09-26T08:30:13+00:00 26. September 2011|Categories: Medienforschung, Social Web|Tags: , , , , , |

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

Ein Kommentar

  1. Alexa Brandt 28. September 2011 um 8:58 Uhr

    Ein Artikel, der meiner Ansicht nach Deinen Gedanken ganz nett aufgreift:

    http://www.theintelligence.de/index.php/politik/kommentare/3303-homo-ignorans-vom-leben-in-einer-gehirngewaschenen-gesellschaft.html

    Stichwort: too many Homo ignorans! Oder wie Manfred Lütz sie netterweise bezeichnet: zu viele “wahnsinnig Normale”.

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