Bleibt Radio, und wenn es bleibt, bleibt es Radio?

1987, Neunzehnhundertsiebenundachtzig. In dem Jahr, als Willy Brandt als SPD-Vorsitzender zurückgetreten und Matthias Rust über den eisernen Vorhang geflogen ist, rund fünf Jahre vor der Erfindung des ersten Web-Browsers begann in Deutschland das Projekt Digitales Radio (DAB). So wie die Schallplatte der Zukunft, die Compact Disc, bei der man fünf Jahre zuvor die kratzende Diamantnadel durch einem Laserstrahl ersetzt hatte, sollte auch dieses „Radio der Zukunft“ eine Soundrevolution bringen und kristallklar klingen. Nun, 24 Jahre später, seit Anfang August 2011 kann digitales Radio als DAB Plus auch multimediale Inhalte transportieren. „Multimedia“ war 1995 Wort des Jahres.

Quelle: CC-BY Brandon Christopher Warren | flickr.com

2011 gibt es in Deutschland über 52 Millionen Internetnutzer, schätzungsweise 1,5 Fantastillionen UKW-Radios und etwa 350.000 DAB-Empfangsgeräte. Mit den bereits vorhandenen DAB-Geräten kann man allerdings DAB+ nicht empfangen, dafür benötigt man neue Hardware. Es gibt also Anlass genug, über die Einführung von DAB+ zu spotten.

Musste das so kommen? Ist in der digitalen Medienwelt kein Platz mehr für die Mediengattung Radio? Oder ist Radio als UKW-Radio eben einfach perfekt und es braucht eigentlich keine Weiterentwicklung ? Für die – nunja – schleppende Entwicklung von DAB gibt es eine ganze Reihe konkreter technischer und  politischer Gründe. Ich möchte die hier einmal vorsichtig zur Seite stellen und grundsätzlicher fragen: Bleibt Radio in der Medienwelt von morgen erhalten? Und wenn es bleibt, bleibt es Radio?

Nun sind „Prognosen schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ (zuweilen auch, wenn sie die Vergangenheit betreffen, dieses Zitat jedenfalls lässt sich wahlweise Karl Valentin, Mark Twain, Winston Churchill oder Nils Bohr zuschreiben). Ich glaube aber, dass sich aus den Befunden der Radio- und Fernsehforschung zur Mediennutzung in Vergangenheit und Gegenwart auch Perspektiven für Radio in der digitalen Zukunft ableiten lassen.

1. Nutzungssituationen und Motive bleiben bestehen

Radio ist heute ein Begleitmedium zur Hintergrundbeschallung: Menschen nutzen Radio vorwiegend nebenbei und in Situationen, in denen sie Medien keine visuelle Aufmerksamkeit schenken können, etwa beim Autofahren oder während der Arbeit.

Diese Situationen werden auch in Zukunft weiter bestehen bleiben, ebenso wie der Wunsch, in diesen Situationen adäquate Medien zur Unterhaltung oder Information verwenden zu wollen.

2. Man möchte nicht immer selbst entscheiden

Radio ist einfach: Ein Knopfdruck genügt und der voreingestellte Sender liefert sofort ein akustisches Medienprogramm. Dies ist ein großer Unterschied von Radio zu anderen akustischen Medienangeboten (CDs, mp3-Player etc.). Dort muss man zunächst mehr oder weniger selber aktiv entscheiden, was man hören möchte.  Radio nimmt dem Hörer diese Entscheidung ab und ist so vor allem in Situationen stark, in denen man weiß, dass man etwas hören möchte, aber nicht genau entscheiden möchte, was.

Auch dieses Motiv wird in Zukunft weiter existieren. Es wird weiterhin viele Nutzungssituationen geben, in denen man als Mediennutzer ein Angebot erhalten und nicht selbst aktiv auswählen möchte, sondern sich überraschen, inspirieren und informieren lassen will. Digitale Infrastruktur ermöglicht hierfür grundlegend neue mediale Möglichkeiten, die in der linearen Medienwelt von UKW (und auch beim digitalen DAB ohne Rückkanal) nicht möglich sind (zum Beispiel die Auswahl von Musik über eine Datenbank, die Ähnlichkeiten von Titeln berechnet wie pandora.com, oder über nutzergenerierte Verschlagwortung und Ähnlichkeiten im Musikgeschmack der Nutzer wie bei last.fm).

Fraglich erscheint mir, wie stark sich diese neuen Möglichkeiten auf die Wahrnehmung und Nutzung von Radio auswirken wird. Schon jetzt ist zu beobachten, dass die Toleranz für suboptimale Medienerlebnisse sinkt – man schaltet schneller weg oder um.

Aber ich glaube, dass es in Zukunft trotz zahlreicher Alternativen für ein Medienangebot einen Platz geben wird, das dieses Bedürfnis löst, wie Radio es tut:  indem Inhalte gezielt kuratiert werden und ein Gemeinschaftserlebnis für eine Community geschaffen wird.

3. Marken können Orientierung in unübersichtlichen Medienwelten schaffen

Die Voraussetzung dafür, dass dies auch in Zukunft gelingen kann, ist auch eine starke Marke. Der Hörer muss mit dem Namen des Radiosenders ein charakteristisches emotionales und funktionales Versprechen verbinden, das auf unterschiedliche Kontexte übertragbar ist. Da die Verbreitungswege vermutlich immer vielfältiger werden (ein Radioprogramm kann ja schon heute über UKW, WWW, DAB oder UMTS empfangen werden), trifft Radio dann auf ganz unterschiedliche Nutzungskontexte und mit unterschiedlicher Hardware und unterschiedlichen Möglichkeiten. Es ist umso wichtiger, dass Radiosender ihren Markenkern schärfen, damit sie in diesen unterschiedlichen Medienumgebungen wahrgenommen werden und ihre spezifischen Stärken ausspielen können. Nur so kann ein Radiosender eine Onlinestrategie entwickeln, wie er sich – parallel zu UKW-Rundfunk, der zunächst immer noch die Hauptsache ist –  in den neuen Medienwelten positionieren will.

Der Transfer von Radiomarken in die Onlinewelt stellt Radiosender dabei vor große Herausforderungen. Um im WWW zu funktionieren, müssen sie multimediale Marken werden, die sich den spezifischen Möglichkeiten digitaler Medien (Kommunikation, gezielte Steuerbarkeit, Multimedialität, Plattformunabhängigkeit, nutzergenerierte Inhalte) anpassen und diese ausnutzen. Dabei sollen sie gleichzeitig ihren Charakter als Radio behalten.

4. Ein Offline-Community ist schon da

Ein Schlüssel für diesen Weg kann die Hörerschaft der Sender sein. Radiosender verfügen in aller Regel bereits über eine große (Offline-)Community, die sich mit dem Sender vergleichsweise stark identifiziert. Die aktuellen Medienentwicklungen sind ja als „Social Media“ vor allem von den Einfluss- und Mitgestaltungsmöglichkeiten der Nutzer getrieben. Jetzt, wo es immer mehr Möglichkeiten der Interaktion mit den Nutzern gibt und jeder Shampoohersteller deshalb eine eigene Onlinecommunity aufbauen möchte, hat Radio eine gute Ausgangsposition: Es gibt schon eine an die Marke gebundene Community. Und Radiosender haben sogar eine lange Tradition, diese ins Programm zu integrieren, zumindest per Telefon.

Jetzt gilt es, diese charakteristischen Stärken von Radio in die neue digitale Medienwelt des Internet zu tragen und diese damit mitzugestalten.

By | 2011-08-15T10:39:58+00:00 15. August 2011|Categories: Medienforschung, Radio|Tags: , , , , , , |

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Ein Kommentar

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