20-59: Das neue Lichtmoment am Media-Himmel?

“Bis zu meinem 50. Geburtstag muss überall verkündet werden: die wirklich Geilen sind die 49-Jährigen plus X. Vergesst die Jungen. Die Werbung wird umschalten.” Das erklärte Harald Schmidt 5 Jahre vor seinem 50. Geburtstag im Jahr 2002, nicht ahnend, dass er 3 Jahre nach seinem offiziellen Austritt plötzlich wieder Mitglied dieser ominösen Zielgruppe sein würde.

(Quelle: www.ritsch-renn.com)

Dass die werberelevante Zielgruppe ein Gewächs des ehemaligen RTL Geschäftsführer Helmut Thoma ist, hat sich ja nun mittlerweile rumgesprochen. Thoma hatte sich und allen anderen Privatsendern damals einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Öffentlich-Rechtlichen verschafft, denn zu dem Zeitpunkt ihrer Einführung hatten die Privaten in der Tat signifikant mehr Zuschauer zwischen 14 und 49. Aber wer hätte gedacht, dass 20 Jahre später der Stein des Anstoßes für die Erweiterung derselben Zielgruppe nach oben hin aus dem selben Hause kommen würde? 20-59: das neue Maß der Dinge?

Ok., mittlerweile hat sich auch bei den Privaten rumgesprochen, dass fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung über 50 ist, vor allem die fernsehende Bevölkerung wird immer älter! Ferner ist es bereits seit längerem Tatsache, dass Menschen über 50 viel kaufkräftiger sind als Jüngere und mittlerweile wesentlich konsumfreudiger als früher. Es hat erstaunlich lang gedauert, bis der Stein ins Rollen kam und man bei RTL sagte: “Da muss man doch was tun!”

Wie lange es allerdings brauchen wird, bis sich 20-59 durchsetzt, steht in den Sternen. Das Online-Medienmagazin DWDL jedenfalls wagt den ersten Schritt und weist seit 14.7. die Quoten der neuen “Referenz- Zielgruppe” vergleichend zur werberelevanten Zielgruppe aus.

Bei der ganzen Diskussion um die Erweiterung einer Zielgruppe, die so heterogen ist wie die Gesamtbevölkerung, stelle ich mir aber noch die ein oder andere Frage:

  • Warum die Erweiterung? Wenn die Bruttoreichweite steigt, wird der TKP niedriger. Das mag ja dann ganz gut aussehen auf dem Papier, aber bringt es unterm Strich mehr als nur einen psychologischen Effekt?
  • Wie werden die werbetreibenden Unternehmen darauf reagieren?
  • Für wen sind die 20- bis 59-Jährigen denn nun Referenz?
  • Wo sind die für die Werbewirtschaft durchaus nicht zu verachtenden 14- bis 19-Jährigen geblieben?
  • Ist die Soziodemografie überhaupt der Weisheit letzter Schluss? Und…
  • Wird Harald Schmidt in sieben Jahren wieder dieselben Worte wählen?

Tatsache ist: 20-59 kann auch nur eine weitere Berechnungsgröße für den TKP sein, ein Richtwert für den Erfolg von Sendungen, kurz gesagt: eine Währung. Mehr nicht. Sie sagt nichts über die Qualität des Publikums aus, schon gar nicht über dessen Aufmerksamkeitsleistung. Aber das war ja vorher auch schon so.

(Quelle: www.quotenmeter.de)

Bleibt abzuwarten, wie die neue Währung angenommen wird und was sich RTL als nächstes einfallen lässt. Offenbar sind die immer diejenigen, die den Ton angeben und das ist in Anbetracht unserer vielfältigen und gar nicht so üblen Medienlandschaft irgendwie beschämend.

By | 2010-07-20T13:11:31+00:00 20. Juli 2010|Categories: Fernsehen, Medienforschung|Tags: , , |

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2 Kommentare

  1. sabinehaas 21. Juli 2010 um 15:06 Uhr

    Einen spannenden Aspekt finde ich, dass in dieser Neudefinition die Jüngeren (U20) plötzlich ausgeklammert werden. Stimmt es, was böse Zungen sagen: “Die gucken eh bald kein Fernsehen mehr und das wollen die Sender vertuschen”? Insgesamt ist es jedenfalls nicht schlau, die Potenziale abzuschneiden – egal an welchem Ende der Skala!

  2. Cathrin Jacob 22. Juli 2010 um 12:56 Uhr

    Naja, die Potenziale werden ja mit dieser Einteilung nicht abgeschnitten. Für sie wird eben nur nicht mehr bezahlt. Es ist nun so, dass die Werbenden nun mehr für die Altersgruppen zahlen, die besonders viel gucken. Aktuelle Zahlen beweisen ja, dass die Jugend nicht weniger fernsieht als vorher. Nur die Sache mit der Aufmerksamkeit hat wohl offenbar dazu geführt, dass man für sie als weniger qualitative Zuschauer nun nicht mehr zahlen muss. Ich bin wirklich gespannt, wie sich dieser Gedanke in der Media-Praxis durchsetzt…

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